"Ein treues Zeugnis" von gesteigertem Wert

16. November 2005, 21:18
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Großausstellungen als Wirtschaftsfaktor: Industrie- und Gewerbepräsentationen, Weltausstellungen

Großausstellungen als Wirtschaftsfaktor: Den Messen und Märkten des Mittelalters folgten Industrie- und Gewerbepräsentationen - und schließlich die legendären Weltausstellungen, die noch heute als Wertmaßstab gelten.


Ein internationaler Messetermin jagt den anderen und doch sind es nur einige wenige, deren wirtschaftliche Auswirkungen unmittelbar spürbar werden. "Der Wert von an der Art Basel oder der Documenta in Kassel teilnehmenden Künstlern steigt sofort", so die Erfahrungswerte von Petra Schäpers, Leiterin der Dorotheums-Repräsentanz in Düsseldorf, und nennt auch ein aktuelles Beispiel: Thomas Ruff bestückte den italienischen Pavillon der Biennale von Venedig - den Hype auf seine Arbeiten dokumentieren die aktuell weltweit zur Verteilung gelangenden Auktionsangebote. Im Vergleich zu 2004 wechselten heuer rund 15 Prozent mehr Arbeiten den Besitzer.

Diese Art der Veredelung hat ihre Wurzeln in den Industrie- und Gewerbepräsentationen sowie in den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts: epochale Großereignisse, faszinierende und vor allem vielseitige "Monsterschauen", die den technischen Fortschrittsglauben und den kulturellen Reichtum dokumentierten. Die erste fand 1851 in London statt und ihr wirtschaftlicher Erfolg sorgte für einen Boom. Nach Paris (1855, 1867) und neuerlich London (1862) eröffnete Kaiser Franz Joseph am 1. Mai 1873 die erste und einzige Weltausstellung in Wien. 53.000 Teilnehmer aus mehr als 35 souveränen Staaten bespielten die 233 Hektar große Ausstellungsfläche im Wiener Prater. Entsprechend dem Leitgedanken, "ein treues Zeugnis und lebendiges Bild von demjenigen Standpunkt der Entwicklung, zu welchem die Menschheit gelangt ist", zu geben, skizziert das 1989 im Böhlau Verlag erschienene Buch zur Wiener Weltausstellung, die durch den zeitgleichen Börsenkrach traurige Berühmtheit erreichen sollte.


Knightsbridge Sale

Im vierteljährlichen Knightsbridge Sale gelangt bei Bonhams am 29. November eines der damals auf dem Pratergelände gezeigten Repräsentationsobjekte zur Auktion: ein fast drei Meter hoher, aus Ebenholz gefertigter, mit feinsten Schnitzereien verzierter Bücherschrank des toskanischen Meisters Sem Torelli, der von den Experten auf umgerechnet 17.600 bis 26.400 Euro geschätzt wird. Für seine exzellente technische und künstlerische Ausführung erhielt Torelli eine von insgesamt 25.572 vergebenen Verdienstmedaillen.

Bis zum Ersten Weltkrieg fanden noch sechs weitere Weltausstellungen in Philadelphia, Chicago, St. Louis und Paris statt. So mancher österreichischer Teilnehmer, etwa Thonet, Wertheim oder Lobmeyr, feierte dank dieses Vermarktungsevents ernst zu nehmende wirtschaftliche Erfolge. Manche Auswirkungen haben sich auf dem Kunstmarkt bis heute erhalten: Bei solchen Weltausstellungen gezeigte Kunstwerke liegen in ihrer Bewertung gegenwärtig deutlich über anderen zeitgleich entstandenen.

Besonders häufig trifft man auf dieses Wertphänomen in der Sparte Jugendstil und hier vornehmlich für Objekte der Pariser Weltausstellung 1900, übrigens ein eigenes Sammelgebiet. "Der Wert steigt dabei um zumindest 50 Prozent", schildert Julia Blaha, Jugendstilexpertin des Dorotheums, allerdings nur, wenn dies auch in zeitgenössischen Quellen dokumentiert wurde. Etwa die von Franz Hofstötter entworfenen und von Lötz für die Pariser Präsentation ausgeführten Vasen, "je nach Anzahl der Auflage von 11.000 bis zu 30.000 Euro für seltene und mit aufwändigen Dekoren verzierte Exemplare". Zum Vergleich: "Namenlose" Lötz-Vasen aus dieser Zeit sind schon ab 1200 Euro erhältlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2005)

Von
Olga Kronsteiner
  • Dieser bei der Wiener Weltausstellung 1873 prämierte Bücherschrank gelangt am 29. November bei Bonhams (London) zur Auktion.
    foto: bonhams

    Dieser bei der Wiener Weltausstellung 1873 prämierte Bücherschrank gelangt am 29. November bei Bonhams (London) zur Auktion.

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