Pädagoge Wimmer im STANDARD-Interview: Die lästige Mücke in der Klasse

16. November 2005, 19:14
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Toni Wimmer, Pädagoge, über Elefanten im Schulsystem, lustvolles Lehren und Lernen sowie schulische Nichtveränderung

STANDARD: "Systemische Pädagogik ist die Kunst, in der lästigen Mücke den Elefanten zu entdecken." Was heißt das?

Wimmer: Die lästige Mücke im Schulsystem ist der Fokus auf Nicht-Wissen, das Suchen der Fehler, der ständige Blick auf Probleme statt auf Lösungen und Ressourcen der Kinder und im System der Schule.

STANDARD: Was kann systemische Pädagogik da besser machen als die traditionelle?

Wimmer: Systemische Pädagogik nimmt den Stress weg, dass ich als Lehrer alles lösen kann. Wir leben in einer Kultur des monokausalen Denkens. Das färbt auf die Schule ab: Ich bring dem Kind was bei, das Kind lernt es und kann es dann. Auf das Kind wirken aber viel mehr Einflüsse.

STANDARD: Was zeichnet systemisch denkende Lehrer aus?

Wimmer: Sie haben einen anderen Blick auf Schule und Lehrer als Teil des Systems. Diese Sicht macht es interessanter und lustvoller, weil sie nicht so davon abhängig sind, möglichst viel hineinzupacken und den Stoff rüberzubringen, egal, wer drin sitzt. Die Botschaft ist so gut wie das, was ankommt. Ich predige immer, ihr seid das Fach, der Lehrer ist die Botschaft. Wenn Schüler mit dir kommunizieren können, nehmen sie den Inhalt automatisch mit, weil du interessant bist.

STANDARD: Was sind die größten Schwächen des Schulsystems?

Wimmer: Es tut sich schwer mit Veränderungen. Die Schule ist etwas, wo Nicht-Veränderung Sicherheit bringt. Jede Veränderung bringt Unruhe, das sieht man jetzt bei Umstellung auf die Pädagogischen Hochschulen. Da geht es weniger um Inhalte, sondern oft nur um Sicherheiten und Ressourcen. Alle anderen Systeme, die vom täglichen Erfolg leben, müssen sich ständig verändern. Das passiert bei der Schule viel zu langsam.

STANDARD: Sie sagen, "Schule ist ein sich selbst reproduzierendes System", Motto: einmal Lehrer, immer Lehrer?

Wimmer: Ja, sie sind die einzigen, die aus dem Schulsystem nie rauskommen. Ich sehe als Therapeut und Coach, dass jeder Lehrer einen großen Vorteil hat, der auch was anderes getan hat. Er weiß, was er mit seinen zwei Händen noch tun kann. Viele Lehrer haben das Gefühl "Ich kann nichts außerhalb machen" und fühlen sich dem System ausgeliefert.

Zur Person: Toni Wimmer (56), Supervisor und Therapeut, organisiert 2006 den Universitätslehrgang "Systemische Pädagogik".

Das Gespräch führte Lisa Nimmervoll.

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