Der nicht fassbare Geist von Wien

16. November 2005, 18:29
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Trotz Monologen und falscher Fragen: Islamkonferenz gibt einen politischen Auftrag - Von Markus Bernath

Militante Islamisten und Terrordrahtzieher pflegen keine Tagungen zu besuchen, die dem interkulturellen Austausch der Religionen dienen. War die internationale Islamkonferenz, die am Mittwoch in der Wiener Hofburg zu Ende ging, deshalb ein leeres Unterfangen?

Sie war es - zum Teil -, aber nicht nur weil es die Botschaft der Toleranz und der Gesprächsoffenheit zwischen Islam und Christentum - der "Geist von Wien", wie es der Publizist und Moderator Heinz Nussbaumer formulierte - wohl nicht bis in die letzte pakistanische Gebetsschule schaffen wird. Manchem Teilnehmer, nicht zuletzt auch Heinz Nussbaumer, war sehr wohl bewusst, dass auf Islamkonferenzen nur die reden, die ohnehin einer Meinung sind und den Dialog der Religionen gar nicht brauchen.

Zwei große Mängel hafteten der Wiener Konferenz gleichwohl an: der geringe Raum für Diskussion, notdürftig behoben mit einer Fragestunde des Publikums im Redoutensaal, die am Mittwoch noch schnell an das Ende des Konferenzprogramms geflickt wurde; dann der Versuch, theologische Fragen zu erörtern, obwohl die wichtigsten Gäste, Hamid Karsai und Jalal Talabani zumal, andere Sorgen haben. Wenn sich Präsidenten aus Kriegsstaaten wie Afghanistan oder dem Irak über den Islam verbreiten sollen, wird man nicht allzu Wegweisendes erwarten dürfen.

Hamid Karsai und Jalal Talabani verlasen, was ihnen ihre Mitarbeiter wohl aufgeschrieben hatten: Der Islam ist historisch gesehen eine Religion der Toleranz und öffne auch heute die Tür zum Dialog. Wird sich nächste Woche noch jemand daran erinnern? Es war also auch eine Konferenz der Allgemeinheiten, der alt bekannten, lange wiederholten Geschichten vom mittelalterlichen Andalusien und dem Islam in Europa, über die nur hinwegsehen kann, wer sich am großen Kreis der Prominenz in der Hofburg berauschte.

Die wirklichen Fragen zum Islam und seinem Verhältnis zum Westen lauten wohl anders, wie Teilnehmern der Konferenz klar wurde. Nähren die autoritären Regime der arabischen Welt die Islamisten? Warum schieben Muslime die Schuld an den politischen und sozialen Zuständen in ihren Ländern so leicht dem Westen zu?

"Terroranschläge sind keine Kämpfe der Religionen, alle Redner waren sich darin einig", meinte doch schließlich Anas Schakfeh, der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Islamische Extremisten suchen islamische Begründungen für ihre Taten, weshalb also in der Religion bohren? "Es geht um die Ursachen des Extremismus, politische, wirtschaftliche, soziale Gründe." Also besser keine Islamkonferenz?

Der "Geist von Wien", der durch die Mauern der Hofburg dringen sollte, war schwer zu fassen und beschrieb am Ende in vollem Widerspruch zum Wunsch der Organisatoren auch eine Unmöglichkeit des Dialogs der Religionen, solange eben relativ Gleichgesinnte Monologe halten.

Dennoch traten Gäste auf, die durch Offenheit und Kritikfähigkeit überraschten, wie der junge Großmufti von Syrien, Ahmad Bader Hassun. US-Staatssekretär Daniel Fried sprang für die ursprüngliche vorgesehene Karen Hughes ein, die Bush-Vertraute, die nun Washingtons "public diplomacy" führt und bisher ohne Erfolg den Imageverlust der USA in der muslimischen Welt beheben soll - Fried schlug erheblich maßvollere Töne an. Persönlichkeiten wurden schließlich zusammengeführt, die wie Adnan Pachachi und Hussain al- Shahristani die Dramatik des Irak verkörperten, wo nun der Zentralstaat und damit die politische Stabilität auf dem Spiel steht.

Wenn es einen "Geist von Wien" gab, dann war es dieses Schlaglicht auf die Spannungen der muslimischen Welt und den gemeinsamen Wunsch nach einer Lösung. Die österreichische Außenpolitik kann daraus etwas machen. Ursula Plassnik will die EU-Ratspräsidentschaft dafür erklärtermaßen nutzen. Hoffentlich ohne Theologie. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2005)

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