Frankreich und wir

16. November 2005, 18:28
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Vorsicht Politiker: Die Situation der französischen Jugendlichen ist mit der ihrer österreichischen Altersgenossen nicht vergleichbar - Von Samo Kobenter

In einem Punkt wenigstens sollten sich die österreichischen Parteipolitiker vor groben Vergleichen hüten: Die Situation der französischen Jugendlichen, die, aussichtslos in die Sozialgettos der Banlieues gezwängt, ebenso aussichtslos den Aufstand proben, ist mit der ihrer österreichischen Altersgenossen nicht vergleichbar. Noch nicht. Das Problem ist ernst genug, es aus dem tagespolitischen Kleingeldwechsel herauszuhalten.

Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hat schon Recht, wenn er meint, Österreich sei "mit dem kolonialen Einwanderungshintergrund Frankreichs" nicht vergleichbar. Aber genau diese schwammige Formulierung verweist auf ein offenkundiges, jedoch unausgesprochenes Unbehagen, das in Frankreich mittlerweile formuliert und in Österreich verschwiegen wird: Die Gräben in der französischen Gesellschaft, die erneut sichtbar geworden sind, verlaufen zwar entlang ethnischer und religiöser Bruchlinien, diese sind aber nicht aus sich selbst entstanden, sondern Ergebnisse einer in den letzten Jahren erschreckend gewachsenen sozialen und gesellschaftlichen Deprivation: Wenn einer ganzen Generation die Aussicht auf eine einigermaßen erfüllbare Befriedigung selbst ihrer Primärbedürfnisse genommen wird, sind Ausbrüche unausweichlich.

Sie sind keine temporären Randerscheinungen einer unter Druck geratenen Hochleistungsgesellschaft, sondern ihr Ergebnis, das - auch auf Österreich gemünzt - nur einen vernünftigen Schluss zulässt: Die Integrationsaufgabe des Staates ist in erster Linie eine soziale. Nur wenn Bildung, Ausbildung, Arbeit so definiert und verteilt werden, dass alle Jugendlichen daran teilhaben, bleibt uns eine Zukunft wie die unlängst in Frankreich begonnene erspart. Das heißt aber auch, den beginnenden Zerfall der Gesellschaft in ihre soziökonomischen Einzelteile zu stoppen, mögen sich diese nun aus autochthonen oder zugewanderten Bevölkerungsgruppen zusammensetzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2005)

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