"Der große Tag des Triumphes"

29. November 2005, 19:47
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Die endgültige Verabschiedung der Verfassungsreform als politisches Spektakel: Auch Lega-Chef Bossi kehrte erstmals nach fast zwei Jahren wieder nach Rom zurück

Etwas zittrig steigt er aus dem grünen Volvo vor dem römischen Palazzo Madama. Umberto Bossi wird von seinem Sohn Renzo gestützt. "Auf diesen Tag habe ich lange gewartet. Das ist der große Tag des Triumphes", versichert der Parteichef der Lega Nord mit heiserer Stimme. 20 Monate nach seinem Schlaganfall ist Umberto Bossi erstmals wieder nach Rom gereist, um den Augenblick auszukosten, den das Fußvolk der Lega seit Jahren herbeigesehnt hat: den Sieg über den verhassten römischen Zentralismus.

Live im Fernsehen

Die letzte Abstimmung über die Verfassungsreform, die Italien in einen Bundesstaat umwandeln soll, inszenierte das Rechtsbündnis am Mittwoch als politisches Großereignis. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte einen Besuch in Israel abgesagt, um an der Abstimmung teilzunehmen, die vom Fernsehen direkt übertragen wurde.

Berlusconi, Bossi und Vizepremier Gianfranco Fini ließen sich in der Ehrenloge des Senats beklatschen. "Jetzt steht unser Erfolg bei den kommenden Wahlen bereits fest", freute sich der Lega- Chef, der Rom noch vor zehn Jahren mit der Forderung nach Sezession des Nordens verschreckt hatte.

Für das Linksbündnis dagegen war der Mittwoch ein schwarzer Tag. Oppositionsführer Romano Prodi tröstete sich mit der Einsicht, "Rückschläge gehören zum Leben". Er setzt nun auf die Volksabstimmung, mit der die tief greifende Verfassungsreform in einem Jahr von der Bevölkerung gebilligt werden muss.

Skeptischer Süden

Die Umwandlung Italiens in einen Bundesstaat wird vor allem in Süditalien skeptisch beurteilt, wo man eine Vergrößerung der Kluft zum reichen Norden befürchtet. Verfassungsrechtler äußern sich skeptisch zur Reform, die einen Bundesrat nach deutschem Vorbild einführt und den Regierungschef in Rom mit zahlreichen Vollmachten ausstattet. Sie befürchten unzählige Kompetenzstreitigkeiten zwischen Staat und Regionen, denen in Zukunft die alleinige Kompetenz für Gesundheit, Bildung und örtliche Polizei zusteht.

Unterdessen drängt Berlusconi seine Koalition zur Eile. Fünf Monate vor den Wahlen soll nächste Woche das umstrittene neue Wahlrecht verabschiedet werden. Mit der Rückkehr zum alten Verhältniswahlrecht hofft Berlusconi, einer Niederlage im April zu entgehen. Nach jüngsten Umfragen führt das Linksbündnis derzeit in der Wählergunst mit acht Punkten Vorsprung. (DER STANDARD, Print, 17.11.2005)

Gerhard Mumelter aus Rom
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Umberto Bossi in Rom

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