Chinas Polizei fahndet mit Pokerkarten

18. November 2005, 15:22
6 Postings

"Steckbrief-Poker" mit Fotos von Saddam und den meistgesuchten Anhängern war Pate für neue Fahndungsmethode

Polizeibehörden in China drucken ihre Steckbriefe jetzt auch auf Pokerkarten – nachdem das Plakatieren von Umweltämtern immer wieder unmöglich gemacht worden war.

***

Xinyang/Peking – Ein von den US-Militärs einst im Irak in Umlauf gebrachtes Kartenspiel mit Fotos von Saddam Hussein und seinen meistgesuchten Anhängern stand den Sicherheitsbehörden in Zentralchinas Provinz Henan Pate für ihre neue Fahndungsmethode. Polizisten der Stadt Xinyang verschenkten 50.0000 Kartenspiele mit den Steckbriefen von 16 gesuchten Schwerstkriminellen an alle Bahnreisende in ihrer Provinz. Auf den Karten stehen auch die ausgesetzten Belohnungen, bis zu umgerechnet 2000 Euro (in China durchschnittlich ein Jahresgehalt).

Viertelmillionen Plakate verklebt

Die Aktion, die Nachahmer in anderen Provinzen findet, war durch einen grausamen Mordfall am 11. Juli in einem Dorf der Provinz ausgelöst worden. Zuerst hatte die Polizei nach dem mutmaßlichen Täter Zhang Zhijun wie gehabt mit Suchlisten gefahndet und eine Viertelmillionen Plakate in Henan und angrenzenden Provinzen verklebt.

Ihre Großaktion verlief im Sand. Entweder durfte sie wegen Kampagnen zur Stadtverschönerung ihre Steckbriefe nicht aushängen oder Putzkolonnen schrubbten im Auftrag von Umweltämtern die Plakate gleich wieder ab. Zudem, erzählt Vizepolizeichef Zhang Yu, warfen Passanten die Steckbriefe achtlos weg. Steigende Verbrechensraten und der schlechte Ruf der Polizei motivieren Chinas Öffentlichkeit nicht gerade zur Mithilfe.

Zeitvertreib

So kam Xinyangs Polizei die Idee zum Steckbrief auf Spielkarten als Zeitvertreib für langweilige Zugfahrten. Zuerst holten sich die Polizisten Rechtsbeistand von Juristen, ob sie nicht das Persönlichkeitsrecht der Verdächtigen verletzen.

Mit den Spielkarten sparen sie zudem viel Geld, behauptet Zhang Yu. Im Billiglohnland China koste die Herstellung eines Sets umgerechnet nur fünf Cent. Fahndungsplakate für 16 Gesuchte zu drucken sei sechsmal so teuer.

Der mutmaßliche Mörder Zhang sticht nun als Herzkönig im Spiel. Wohl nicht mehr lange. Alle chinesischen Zeitungen meldeten gestern Chinas erstes "Steckbrief-Poker" und zeigten Fotos der Karten. Der gesuchte Herzkönig Zhang liegt überall obenauf. (Johnny Erling, DER STANDARD Printausgabe 17.11.2005)

  • Viele Zeitungen stellten die Spielkarten mit aufgedruckten Steckbriefen vor
    foto: standard/ erling

    Viele Zeitungen stellten die Spielkarten mit aufgedruckten Steckbriefen vor

Share if you care.