Wie weiter nach Gaza?

17. November 2005, 16:17
1 Posting

Der israelische Experte Shlomo Avineri in Wien

Wien – Israels Arbeiterpartei unter ihrem neuen Vorsitzenden Amir Peretz hat angekündigt, die Koalition mit Premier Ariel Sharon zu verlassen. In Israel und auch unter der europäischen Linken knüpfen sich an Peretz, der aus der Gewerkschaftsbewegung kommt, Hoffnungen, dass er die Lähmung der israelischen Linken überwinden könne. Shlomo Avineri, Professor für Politologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und in den späten 70er-Jahren Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, rät aber zur Vorsicht: "Dass die Arbeiterpartei zu einer sozialdemokratischen Agenda zurückgehen soll und muss, ist klar. Amir Peretz muss aber beweisen, dass er das kann. Andererseits ist die Hauptagenda der Bevölkerung noch immer die Sicherheit. Seit 30 Jahren ist die Sicherheit vorherrschendes Motiv der israelischen Bevölkerung."

Avineri spricht Donnerstag, 17. November, 19 Uhr, im "Kreisky Forum" über "Der Friedensprozess im Nahen Osten. Perspektiven nach dem Gaza-Rückzug". Im Gespräch mit dem STANDARD entwirft er eine Art Szenario der niedrigen Erwartungen.

"Nach dem israelischen Rückzug aus Gaza haben die Palästinenser jetzt die Chance, sich selbst zu beweisen, dass sie einen funktionierenden Staat aufbauen können. Mahmud Abbas hat das im Unter 3. Spalte schied zu Arafat begriffen. Die Palästinenser haben bisher kein Monopol der legitimen Gewalt zustande gebracht. Ich glaube, dass die Zeit nicht reif ist für Verhandlungen wie in Camp David im Jahre 2000. Ich glaube, wir müssten jetzt zufrieden sein mit einer Stabilisierung der Situation. Man schießt nicht mehr, man kämpft nicht mehr, aber es gibt noch keine Lösung. So etwas wie die Situation in Zypern, in Bosnien, im Kosovo oder auch in Kaschmir. Wenn wir ein paar Jahre Zypern haben, wird das ein großer Schritt sein." Avineri glaubt auch, dass Sharon sich aus einigen exponierten Siedlungen im Westjordanland zurückziehen, andere Siedlungen aber "arrondieren" wird. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print, 17.11.2005)

Share if you care.