Real-Tier-Blut im Burgtheater

16. November 2005, 12:22
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Nitsch-Happening am Samstag

Wien - Statt Theaterblut wird am Samstag echtes Blut im Burgtheater fließen. Anlässlich des 50. Jahrestages der Burgtheater-Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Haus am Ring den Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch (67) eingeladen, seine 122. Aktion des Orgien Mysterien Theaters in dem Traditionshaus zu zelebrieren. Nitsch-Darsteller und Burgschauspieler werden dabei sein, wie auch 1.200 Zuschauer - die Aktion ist ausverkauft.

"Sprachloses Theater im besten Haus"

Auf die Einladung folgte prompt der vorhersehbare Protest des Wiener BZÖ, das fürchtet, die Insignien der christlichen Glaubensgemeinschaft könnten verunglimpft werden, und die entsprechende Kritik an der Kritik aus anderen politischen Lagern. Im September hatte es schon einen kurzzeitigen Rummel um die Entfernung eines Nitsch-Videos aus dem "Diaghilew-Abend" der Staatsoper gegeben, da der Zusammenschnitt von Aktionen aus Nitschs Orgien-Mysterien-Theater laut Ballettdirektion bei einigen Zuschauern Übelkeit ausgelöst hätten. So kann man fast sicher davon ausgehen, dass Nitschs Theater auch noch 48 Jahre nach seiner Gründung 1957 die Gemüter erregen wird - besonders die jener, die nicht an der Aktion teilnehmen.

Mit mehr als 80 Akteuren aus über elf Nationen, einem Festmahl und musikalischer Unterstützung der Jungen Philharmonie und des Chores der Universität Wien wird das Happening, das bis in den späten Abend dauern wird, über die Bühne des Hauses gehen, durch das Nitsch selbst einmal aus Protest lebende Schweine jagen wollte. Heute ist der Künstler und Träger des Großen Österreichischen Staatspreises 2005 stolz, dass er nun "in diesem erhabenen Haus - und ich meine das nicht ironisch" arbeiten und sein "sprachloses Theater im besten Haus deutscher Sprache" aufführen wird, wie er in einer Pressekonferenz erklärte.

Gesprächsform als Buch

Wer mehr wissen will zu dem Schaffen und der Künstlerpersönlichkeit Nitsch, dem liefert Danielle Speras Buch-Porträt, das im Christian Brandstätter Verlag jetzt auch als erschwingliche Paperback-Ausgabe erhältlich ist, eine ausführliche Materialsammlung. Der über 360 Seiten starke, im Verlag Christian Brandstätter erschienene Band ist das Ergebnis zahlreicher Gespräche zwischen Spera und Nitsch. Die Gesprächsform wurde beibehalten, und so erfährt man in des Aktionisten eigenen Worten nicht nur die Geschichte seiner Familie, Kindheit und Jugend, sondern lernt auch Kollegen, Freunde, Freundinnen und seine drei Ehefrauen kennen. Nitsch erzählt auch von seinem beruflichen Werdegang und nimmt Stellung zu der oft heftigen Kritik, auf die seine Arbeit schon früh gestoßen ist. (APA)

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