Syriens Großmufti: Al-Kaida will einen Gottesstaat errichten

17. November 2005, 16:02
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Gedankengut der Terroristen analysieren statt Finanzströme verfolgen

Wien - Die Terroristen des Al-Kaida-Netzes hätten sich zum Ziel gesetzt, "einen Gottesstaat zu errichten. Das ist nicht möglich." Dies erklärte der Großmufti von Syrien, Ahmad Bader Hassoun, in einem APA-Gespräch am Rande der Wiener Islam-Konferenz. Jenen, welche die terroristischen Aktivitäten der Al-Kaida verfolgten, riet Hassoun, sich mit dem Gedankengut der Terroristen statt mit der Finanzierung der Netzwerke zu beschäftigen.

"Diese Leute träumen, dass sie einen Staat errichten können - wie Israel, in seinen eigenen Grenzen. Hier liegt die Gefahr", betonte der oberste islamische Würdenträger Syriens. Die These eines islamischen Staates existiere seit nunmehr 50 Jahren. Diese Idee habe "auch Bosnien und das Kosovo bewegt, wo es eine Familie von Moslems und Christen gibt"; dort sei der Versuch unternommen worden, separate Gemeinschaften zu gründen.

Angesprochen auf die rasche Schuldzuweisung nach den jüngsten Terroranschlägen auf Luxushotels in Amman, wo auch die Regierung in Amman den jordanischen Al-Kaida-Zweig unter Abu Musab al-Zarqawi verantwortlich machte, meinte Hassoun: "Ist es möglich, dass die Al-Kaida gegen die ganze Welt kämpft? Gibt es eine geheime Organisation, die diese Bewegung erhält?" Diese Menschen arbeiteten jedenfalls nicht mit Banken oder anderen Organisationen zusammen, die bekannt seien.

Der sunnitische Geistliche zog den Schluss: "Wir sollten nicht die Finanzströme der Al-Kaida untersuchen, sondern vielmehr ihr Gedankengut analysieren." Hassoun sprach von einer "Kette", die sich von New York und Washington nach Madrid, von London über Sharm el Sheikh bis Amman und Paris hinziehe.

Nicht nur den gedanklichen Hintergrund dieser Terroranschläge gelte es zu studieren, sondern auch die Beweggründe der Jugendlichen bei den Krawallen in Frankreich. Ein Grund für letztere sind nach Auffassung des Großmuftis auch die schlechte Wirtschaftslage und die mangelhafte Schulbildung. Die Rolle der Schulen, Kirchen und Moscheen müsse untersucht werden. Wenn den Kindern Respekt beigebracht und Unwissenheit behoben werde, käme es nicht so weit, meinte er.

Für Hassoun ist die friedliche Koexistenz der Religionen etwas Natürliches. "Es gibt keine Religion, die die anderen nicht akzeptiert." Der islamische Geistliche nannte Beispiele. "Palästina: Dort können Moslems, Christen und Juden zusammenleben, ohne dass sie sich umbringen und hinauswerfen."

Ein weiteres Beispiel, aus Syrien, kenne er aus eigener Erfahrung. In Aleppo habe er Juden gekannt, die plötzlich verschwanden. "Wir fanden heraus, dass sie gezwungen wurden, nach Israel zu gehen." Später seien sie über die USA wieder zurückgekehrt. Hassoun: "Sie hatten Angst vor der Politik, nicht vor der Religion. Und wir sagten ihnen: Ihre Häuser warten auf Sie!"

Hassoun wurde im Juli von Präsident Bashar Assad zum Nachfolger des verstorbenen Großmufti Scheich Ahmad Kaftaro ernannt. Kaftaro hatte zum Widerstand gegen die USA im Irak-Krieg aufgerufen. Hassoun lehnt hingegen jegliche Gewalt ab. (APA)

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