"Traumberuf" Lehrer: Wer will, der darf?

22. März 2006, 12:28
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Warum es nicht genügt, sich "zum Lehrer geboren" zu fühlen - Ein Kommentar der anderen von Karl Heinz Gruber

Der Rechnungshof hat sich dieser Tage mit ungewöhnlicher Deutlichkeit dafür ausgesprochen, dass Maturant/innen, die den Lehrberuf anstreben, erst nach einer Eignungsprüfung zum Lehramtsstudium zugelassen werden sollen. Auch das Gesetz zur Gründung Pädagogischer Hochschulen sieht neben der allgemeinen Hochschulreife ein "Verfahren zur Feststellung der Eignung zum Studium" vor.

Nun wird niemand etwas dagegen haben, dass für den verantwortungsvollen Lehrberuf die Geeignetsten und Tüchtigsten rekrutiert werden sollen. Eine Auslese vor jeglicher pädagogischen Ausbildung könnte allerdings auf dem fatalen Irrtum beruhen, man müsse zum Lehrer "geboren" sein. Eine Prüfung vor dem Studium kann zwar das Vorhandensein gewisser für den Lehrberuf erforderlicher Persönlichkeitsdispositionen feststellen, aber die meisten der Kompetenzen, die eine für Schüler wie Lehrer zufrieden stellende Berufsausübung erfordert, werden erst durch eine gute Lehrerbildung, gefolgt von "training on the job", erworben.

Während manche Länder bei der Rekrutierung ihres Lehrernachwuchses nicht zimperlich sein können, weil sie unter Lehrermangel leiden, besteht in Österreich infolge des durch den Geburtenrückgang bedingten Schülerschwunds und angesichts des nach wie vor massiven Andrangs zum Lehrberuf die Möglichkeit, den Zugang zum Lehrberuf selektiv zu gestalten. Ein internationaler Überblick bietet ein Spektrum von Ausleseverfahren, die zum Teil für sich alleine, häufig aber als fortschreitende Sequenz von "weicheren" und "härteren" Verfahren zum Einsatz kommen:

[] Zur Sicherstellung gewisser allgemein bildender Mindeststandards wird von Lehramtsaspiranten verlangt, dass sie etwa in Deutsch und Mathematik bestimmte Mindestnoten im Abschlusszeugnis der Oberstufe haben.

[] Lehrerbildungseinrichtungen laden Bewerber zu Interviews ein, bei denen sie von zwei oder drei erfahrenen Lehrerbildnern über ihre Motive der Berufswahl, über die Selbsteinschätzung der Berufseignung und ihre Erfahrungen im Rahmen von "Schnupper-Erkundungen" in Schulen vor Beginn des Studiums befragt werden; die Studienzulassung hängt vom Interview ab.

[] Vor Studienbeginn oder in der Studieneingangsphase kommen Selbstbeurteilungsfragebögen zum Einsatz, mit denen die Studierenden ihr Wissen über die Anforderungen des Lehrberufs und ihre Disposition dafür erkunden können. An der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz so ein Verfahren der "Selbstauslese" entwickelt und seit Jahren erfolgreich eingesetzt.

[] Die im Laufe des Lehramtsstudiums erworbenen Noten werden zu einem Gesamtkalkül "verrechnet". In manchen deutschen Bundesländern entscheiden bei der Konkurrenz um die Aufnahme in den Schuldienst nicht selten die Zehntel und Hundertstel hinter dem Komma; das mag hart klingen, verleiht jedoch allen Studienleistungen (auch den Schulpraktika) eine gewisse Ernsthaftigkeit und ist im Hinblick auf die Rekrutierung eines tüchtigen Lehrernachwuchses sicher tauglicher als die bizarre Praxis mancher österreichischer Landesschulräte, dass bei der Bewerbung nicht die Qualität des Diplomzeugnisses, sondern allein das Datum des Poststempels der Bewerbung zählt.

[] In den meisten Ländern erfolgt am Ende einer ein- bis zweijährigen beruflichen Eingangsphase ("Probejahr") eine Beurteilung durch den Schulleiter und den für die Junglehrer der jeweiligen Schule zuständigen Mentor, und auch diese Qualifikation wird in die Bewerbung um Anstellung einbezogen.

[] Und schließlich bekommen in einer wachsenden Zahl von Ländern die Schulen selber das Recht, offene Stellen auszuschreiben, Bewerbungsunterlagen zu prüfen, eine Auswahl von Bewerbern zu interviewen und sich für die oder den Geeignetste/n zu entscheiden. Dies hat übrigens auch die Zukunftskommission vorgeschlagen.

Leider wurde bei der administrativen Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen (von einer "Reform" kann ja keine Rede sein) die Chance verspielt, die universitäre und die nicht universitäre Lehrerbildung gemeinsam zu erneuern und beide in Einklang mit der europaweiten Studiengliederung nach dem so genannten Bologna-Modell (Bakkalaureat gefolgt von Master-Grad) zu bringen.

Vieles spricht dafür, auch an den Universitäten die eigentliche Lehrerbildung an ein eher fachspezifisches oder eher pädagogisches Bakkalaureatstudium anzuschließen, wie dies in England und in Frankreich der Fall ist. Jene Studierenden, die schon von Studienbeginn an das Lehramt anstreben, können einige pädagogische und schulpraktische Lehrveranstaltungen vorziehen. Für die große Mehrheit fällt die definitive Entscheidung (und auch die Auslese) für den Lehrberuf aber erst nach dem Bakkalaureat, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Studierenden als Personen gereift sind, Distanz zur eigenen Schulzeit gewonnen und Gelegenheit gehabt haben, andere Berufe als den von der Schule her "nahe liegenden" Lehrberuf in Erwägung zu ziehen.

Schließlich sollte der Rechnungshof nicht zulassen, dass sich das Bildungsministerium um ein anderes Problem herumdrückt: die Dimensionierung des Sektors der Lehrerbildung insgesamt und die Festlegung der Zahl der sehr teuren Studienplätze für jede einzelne der neuen Pädagogischen Hochschulen.

Es gibt bereits jetzt mehrere tausend stellenlose Junglehrer, und es ist volkswirtschaftlich verschwenderisch und den jungen Menschen gegenüber unfair, ohne Rücksicht auf den Rekrutierungsbedarf eines schrumpfenden Berufsfeldes, bei dem der Staat quasi ein Anstellungsmonopol hat, weiterhin tausende von Junglehrer/innen "auf Halde zu produzieren", wie man dies in Deutschland vor zwanzig Jahren lieblos genannt hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)

Zur Person: Karl Heinz Gruber, Professor für Erziehungs- wissenschaft an der Universität Wien, ist zurzeit Gastprofessor an der Universität Oxford.
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