STANDARD-Interview: Schule mit Auffangnetz und Sprungbrett

15. November 2005, 19:27
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Direktorin Margarethe Koncki-Polt über Hauptschulen, die keine "Rest- schule" sind und Gymnasien als "Gesamtschulen"

STANDARD: Die Hauptschule wird oft despektierlich "Restschule" genannt. Warum?

Koncki-Polt: Das schlechte Image kommt daher, dass die meisten Eltern - gerade in Städten oder deren Umkreis - doch in erster Linie versuchen, ihre Kinder ins Gymnasium zu schicken, weil das eine Prestigesache ist. Das ist aber zu Unrecht der Fall.

STANDARD: Inwiefern?

Koncki-Polt: Unsere Absolventen und Absolventinnen gehen zu 60 Prozent in höhere Schulen weiter und reüssieren dort. "Restschule" ist also ein unbegründeter Vorwurf. STANDARD: In Städten sind die überrannten Gymnasien de facto fast Gesamtschulen. Koncki-Polt: Wiens Hauptschulen haben das Problem, dass sie so ausgehöhlt werden. Dann wird das Gymnasium in Wahrheit eine Gesamtschule, und es ist schwer für die Hauptschulen, sich da zu behaupten. In Niederösterreich gilt das im Umfeld der Städte nicht. Die Hauptschulen können das Niveau sehr gut halten und haben Kinder aus allen sozialen Milieus.

STANDARD: Was ist denn der Vorteil einer Hauptschule?

Koncki-Polt: Sie hat das Förderkonzept durch die Leistungsgruppen verwirklicht. Diese sind Auffangnetz, aber auch Sprungbrett. Damit kann man Schullaufbahnverluste abfangen. Wir haben praktisch keine Wiederholung von Klassen. Die Kinder kommen durch kindgerechte Methodik und Didaktik in die 4. Klasse, wo sie dann als 14-Jährige mit entsprechenden Noten die AHS-Reife attestiert bekommen. Es ist eben nicht notwendig, sie schon mit zehn zu haben. Das ist die große Chance, die die Hauptschule eröffnet.

STANDARD: Halten Sie die Zweiklassengesellschaft - Hauptschüler versus Gymnasiasten - bildungspolitisch für sinnvoll?

Koncki-Polt: Aus meiner Sicht nicht. Ich sehe es nicht aus bildungspolitischer Sicht, sondern aus pädagogischer, und da gibt es eigentlich keinen Grund, warum man Kinder, die in der Volksschule gemeinsam unterrichtet werden und sich mit 15 in den berufsbildenden höheren Schulen dann wieder treffen, für vier Jahre in zwei Gruppen teilt.

STANDARD: Viele sagen, Selektion mit zehn Jahren ist zu früh.

Koncki-Polt: Aus pädagogischer Sicht ist diese Kritik sicherlich richtig. Ideal wäre gemeinsamer Unterricht bis 14 mit innerer Differenzierung.

STANDARD: Was wünschen Sie sich für die Hauptschulen?

Koncki-Polt: Für mich ist die Hauptschule die Schule der 10- bis 14-Jährigen. Als solche sollte man sie auch anerkennen. Immerhin kommen z. B. in Niederösterreich über 80 Prozent der Maturanten über die Hauptschule zur Matura. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)

ZUR PERSON: Margarethe Koncki-Polt (48) leitet die Josef-Schöffel-Haupt- schule Purkersdorf (Sport- und Kreativzweig, Schulversuch Englisch als Arbeitssprache).

Das Gespäch führte Lisa Nimmervoll.

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