Französische Revolution im Zeichen des Michelinmännchens?

15. November 2005, 18:56
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Ich als Revolutionär würde nicht wahllos auf das ganze Establishment losgehen, sondern zum Beispiel die Autos von Künstlern und Dichtern verschonen - ein Kommentar der anderen von Egyd Gstättner

Können Sie sich noch an die Ära Ihrer Allgemeinbildung erinnern? An die Geschichte vom "Fahrenden Schüler ins Paradies"? Ein Student erzählt einem alten Mütterchen, er sei auf dem Weg nach Paris. Sie versteht aber "Paradies", wo ihr verstorbener Gatte ist, und so gibt sie dem Studenten einen großen Fresskorb für ihren Mann mit auf den Weg. Der bedankt sich artig und verfuttert die Lebensmittel an der nächsten Kreuzung selbst.

Die Geschichte stammt freilich aus einer Zeit, als der Gare du Nord noch nicht so aussah wie der Hauptbahnhof von Jaunde. Heute käme niemand mehr auf die Idee, Paris mit dem Paradies zu verwechseln. Heutzutage finden Französische Revolutionen all paar Jahre statt. Wenn ich auch strikt gegen Gewalt bin, so habe ich doch wenigstens ein bisschen Verständnis für die Ärmsten der Armen, die hoffnungslos, arbeitslos, sprachlos in den architektonischen Schwerverbrechen am Stadtrand zusammengepfercht sind, nicht mehr anders als mittels Sachbeschädigung auf ihr elendes Leben aufmerksam machen können, es anders als Zidane und Henry im Stade de France mit der Brechstange versuchen und sich die Parole "Friede den Hütten! Krieg den Limousinen!" auf die Fahnen schreiben.

Nur frage ich mich: Muss man die Autos bei aller quälenden Perspektivenlosigkeit gleich serienweise anzünden? Würde es, um den Innenminister zum Rücktritt zu zwingen, nicht genügen, im Vorübergehen unauffällig pfeifend sämtliche Reifen sämtlicher Autos in ganz Frankreich aufzuschlitzen und so den lateinischen Reifennamen Semperit Lügen zu strafen? Dazu müsste man freilich wenigstens ein bisschen Latein können. Ich als Revolutionär würde, um die Regierung zu Fall zu bringen, überhaupt nur bei allen Reifen aller Autos immer wieder die Luft auslassen. Denn Luft ist Allgemeingut. Das Freilassen von Volkseigentum ist kein Diebstahl, und es wird auch nichts beschädigt. Der gesamte Verkehr und das öffentliche Leben käme auch so zum Erliegen: Der Klassiker des gewaltfreien Widerstands. Es muss ja nicht immer gleich Robespierre sein.

Bevor ich Krawall zu machen und zu randalieren anfinge, würde ich zunächst einmal "Dantons Tod" von Georg Büchner lesen.

Ich als Revolutionär würde aber auch nicht wahllos auf das ganze Establishment losgehen, sondern zum Beispiel die Autos von Künstlern und Dichtern verschonen. Die sind im Grund nette Kerle und haben es eh schwer. Auch das Hab und Gut junger Mütter würde ich unbehelligt lassen. Und natürlich das schöner Frauen. Und. Und. Und.

Dafür würde ich einen wohlformulierten Traktat zu den Begriffen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zwischen Scheibenwischer und Windschutzscheibe sämtlicher Autos stecken.

Zugegeben: Vielleicht bin ich als richtiger Revolutionär schon ein bissi zu pingelig und ordnungsliebend, zu wenig aggressiv, zu abgelebt und abgeklärt, zu bequem und zu bieder. Revolte ja, aber die Kinderstube nicht dabei vergessen!

Man wird älter. Vielleicht schaue ich schon weniger wie ein Revolutionär aus als wie ein Michelinmännchen. Wenn ich nicht aufpasse, ende ich selbst bald im Establishment. Und brauche für mein Auto eine Garage mit Garagentor, Wachhund und Alarmanlage. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)

Egyd Gstättner (43), Schriftsteller, lebt in Klagenfurt.
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