Worte und Taten

15. November 2005, 18:28
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Entscheidend ist, welche Schlüsse der französische Staat und die französische Gesellschaft aus den Ereignissen der letzten Wochen ziehen - von Christoph Winder

Die theatralische Rede, mit der sich Staatspräsident Jacques Chirac am Montagabend an die französische Nation wandte, hat lange auf sich warten lassen. Abgesehen von ein paar verstreuten Wortmeldungen war Chirac in der Banlieue-Krise merkwürdig stumm geblieben. Ob ein großartiges, mit der Frage seiner Nachfolge verbundenes politisches Kalkül hinter diesem Schweigen steckte oder ob es der puren Ratlosigkeit entsprang, ist von nachgeordneter Bedeutung.

Entscheidend ist, welche Schlüsse der französische Staat und die französische Gesellschaft aus den Ereignissen der letzten Wochen ziehen, aus einer Krise also, die zwar in manchen Einzelheiten an frühere Krisen erinnerte, in ihrer Intensität diesmal aber beispiellos war und immer noch ist. Die von Chirac angebotenen Lösungen sind gewiss löblich und von guten Absichten getragen. Gut, dass der französische Staat 50.000 Jugendliche aus den Banlieues mit einem neuen Zivildienst unter seine Fittiche nimmt - doch auf Dauer wird dies kein Ersatz für vernünftige Arbeits- und Lebensperspektiven sein. Schön auch, dass der Präsident die Diskriminierung der jungen Franzosen in den Vorstädten angeprangert hat - aber künftig wird der Staat erheblich mehr Energie und Fantasie aufbringen müssen, um mit der faktischen Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile ein für alle Mal Schluss zu machen.

Und leider handelt es sich bei Chirac auch um einen Politiker, der schon 1995 versprochen hat, die soziale Kluft im Land zu schließen. Kein Wunder also, dass die Reaktionen auf seine Rede frostig ausfielen und sofort der Verdacht laut wurde, dass er außer einer Verlängerung des Notstands und ein paar ermunternden Worten wenig geboten habe. Diesmal müssen den Worten aber Taten folgen, und dies so schnell wie möglich. Ist das nicht der Fall, dann werden diese Unruhen im Vergleich zu den kommenden wie ein lindes Mailüftchen gewesen sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)

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