"Demokratie ist kein Westmonopol"

17. November 2005, 16:02
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Wenn ein Redner wieder auflistet, weshalb der Islam schon immer eine dem Frieden und der Toleranz verpflichtete Religion ist, stellt man sich die Frage: Und wo ist dann das Problem?

Das Problem zwischen dem Islam und dem Westen schwingt sich bisweilen schnell und elegant hoch wie auf einer Schiffsschaukel, von der Rednertribüne, wo groß der Konferenztitel "Islam in a pluralistic world" steht, in das kolossale Deckengemälde des Malers Mikl, bis es ganz zu verschwinden scheint. Hamid Karsai, der afghanische Staatspräsident, steht also an diesem Dienstagmorgen am Rednerpult und holt aus zu einem Vortrag über jüngere Geschichte seines Landes, "ein armes und sehr religiöses Land", was aber kein Hindernis für Demokratie und Pluralismus sei – und hebt wie sein Redner nach ihm, der irakische Staatschef, Jalal Talabani, die Toleranz des Islam hervor.

"Globalismus"

Aber wie es mit einer Schaukel eben so ist, kommt das Problem zwischen dem Islam und dem Westen irgendwann auch wieder mit Schwung zurück. So findet der ägyptische Religionsminister Mahmud Zakzouk die deutlichsten Worte gegen den "Globalismus" und die Art, in der nun der Westen glaube, Demokratie in den muslimischen Ländern verbreiten zu müssen.

Der so genannte Kampf gegen den Terrorismus, den die westlichen Regierungen führen, habe die eigentlichen Gründe des Terrorismus – Unterdrückung und Armut – ignoriert, sagt Zakzouk und geht sogar noch weiter. Von der systematischen Unterdrückung der Muslime und der Aneignung ihrer Rohstoffe während der Kolonialzeit, spricht der Islamgelehrte und schließt – offenbar mit Blick auf die Terroranschläge: "Als angebliche Opfer bemitleidet nicht: beleidigt man die Aggressoren."

"Monolithismus"

Mitunter langen Applaus dagegen erhalten am zweiten Tag der Islamkonferenz die Iraker Adnan Pachachi und Hussain Al-Shahristani, die zusammen mit Zakzouk und dem malaysischen Regierungsberater Abdul Hamid Othman an einem von der Standard-Außenpolitikchefin Gudrun Harrer moderierten Rednertisch sitzen und die jüngst angenommene irakische Verfassung zum Exempel eines pluralistischen demokratischen Islam machen. Die Sunniten im Irak hätten erkannt, dass sie mit dem Boykott der Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung einen großen Fehler begangen hatten, meint Pachachi, ein früherer Präsident des von den USA eingesetzten Regierungsrates. Jetzt stellten die Sunniten Kandidaten für die Parlamentswahl im Dezember auf.

Der 83-jährige Pachachi will nun selbst eine neue säkulare, die islamischen Gruppen übergreifende Partei mitbegründen – "dann wird die Verfassung hoffentlich zu einem Dokument, das mit Leben erfüllt ist". Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, führe niemals von sich aus zu einem "Monolithismus", meint auch Shahristani, Schiite und stellvertretender irakischer Parlamentspräsident. Für eine Diskussion lässt das Protokoll des Außenministeriums dann aber keine Zeit mehr.

Verfassungstest

Die politische Konsensfindung, die neuen Verfassungen nach einer langen Zeit autoritärer Herrschaft sind die gemeinsame Erfahrung der Politiker im muslimischen Irak wie in Afghanistan. An diesem Punkt findet auch Hamid Karsai zurück zum eigentlichen Thema der Konferenz. Der afghanische Präsident lobt die "progressive islamische Verfassung" seines Landes, die die Rechte der Frauen garantiere und die sprachliche Vielfalt in Afghanistan anerkenne. Unterschiede im Glauben seien kein Hindernis für den Aufbau einer neuen Gesellschaft.

Ein amerikanisches Regierungsmitglied sorgt schließlich für die Ausgewogenheit auf der Seite des Westen. "Die Demokratie ist kein Monopol des Westens oder des christlichen Glaubens", meint Daniel Fried, stellvertretender Staatssekretär für Europa und Eurasien. "Demokratie ist auch in meinem Land wie in jedem anderen ein Halbfertigprodukt." (Markus Bernath/András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)

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