Frankreichs Jugend fordert den Dialog

6. Juni 2006, 11:11
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Was aber denken französische Jugendliche selbst über die Situation in Frankreich?

Wien/Paris - Brennende Autos als Folge sozialer Missstände und Integrationsprobleme von Frankreichs Vorstadtjugend sind Sujet von Reportern und Experten. Was aber denken französische Jugendliche selbst über die Situation?

"Ich finde die Unruhen gut, denn es ist wichtig, Druck auf die Regierung auszuüben und die Gesellschaft wachzurütteln", meint Adèle Matrot (19) aus Dijon. Quelle der Probleme sei das Aufkommen sozialer Klassenunterschiede. Für Kitty Lyddonc (19) aus Lyon sind die Unruhen "das Ergebnis der sozialen Kälte der letzten Jahrzehnte". Die Jugendlichen hätten keine klare Identität. Sie rebellieren, da Frankreich sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen habe.

Jugend beschimpft Dass Innenminister Nicolas Sarkozy die Jugendlichen als "racaille", also Gesindel beschimpft hat, habe Öl ins Feuer gegossen. "Realität ist aber, dass ,racaille' eine ganz geläufige Bezeichnung in Frankreich ist", sagt Clément Robin (22) aus Tours. Dennoch sei es schockierend, das auch von einem Politiker zu hören. Adèle hingegen findet seinen Ausspruch "lächerlich und gefährlich für die gesamte Gesellschaft". Kitty geht noch einen Schritt weiter: "Wenn er wortgewaltig agiert, wird die Jugend mit noch mehr Gewalt antworten."

Es fehle den Jugendlichen an Infrastruktur und der Chance, diesem sozialen Milieu zu entkommen, lautet der Tenor. "Die Jugendlichen haben den ganzen Tag nichts zu tun und ,spielen' jetzt mit der Polizei", meint Clément. Das Problem sei, dass die konservative Regierung zu lange mit Reaktionen gewartet habe.

Dass der "Traum von einem friedlichen Multikulti-Miteinander" geplatzt sei, finden die drei nicht. Man müsse dazu aber dringend den Dialog mit den Jugendlichen suchen. (DER STANDARD, Flora Eder, Printausgabe, 15. November 2005)

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