Oberlehrer-Apokalypse

15. November 2005, 14:58
posten

Christoph Klimkes "Novum Oh Wunder! Schöne neue Welt!" entpuppte sich im Salzburger Schauspielhaus als quälend langatmige Zuschauerbelehrungsfolter

Statt matter Selbstbespiegelungen leerer Menschenhülsen ist bei engagierten Autoren wieder handfester Kampfdiskurs samt strammer Überwindungsstrategie des globalisierten Menschenelends angesagt. Einer dieser Renovierer des aufklärerischen Kunstidealismus ist der Pasolini-Bearbeiter und Kresnik-Zuarbeiter Christoph Klimke, dessen Novum Oh Wunder! Schöne neue Welt! sich bei der Uraufführung im Salzburger Schauspielhaus als quälend langatmige Zuschauerbelehrungsfolter entpuppte. Der utopistische Kitsch-Hardcore über den Aufstand des Restmenschlichen in einer Funktions- und Effizienz-Diktatur wird von Hannes Hametner zu allem Überfluss noch als "100-Tage-von-Sodom"-Folkloreshow mit Zutaten aus dem Erniedrigungs- und Lustkämmerchen inszeniert:

Was am offenbar nicht sehr qualitätsgesicherten Schauspielhaus gelenkig genug ist, kriecht am Hundehalsband, wirft verzweifelt die Glieder und sondert supergescheite Sklavensätze über die Unentrinnbarkeit aus dem Schraubstock der Obermenschen ab. Diese regieren vom Rollstuhl aus. Bei so viel videogestützter, zuckender, soundüberladener Illustration kommenden Leib- und Seelenelends wünscht man sich die Originallektüre der zitierten Übermachts-Propheten. Eine gut gemeinte, aber schlimme Kuratorenpredigt. (gugg/DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

Schauspielhaus Salzburg, (0662) 8085-85. 19.30
Share if you care.