"Mir gehen schon viele Menschen ab"

    1. Dezember 2005, 12:05
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    Österreichs Ski-Legende Toni Sailer sprach 2005 anlässlich seines 70. Geburtstages über Amateur­status, Tiger Woods und "die Tante Trude aus Buxtehude"

    Herr Sailer, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Lassen Sie uns zurückblicken. Ihre Skikarriere war erfolgreich, aber kurz. Warum haben sie die Brettln so schnell an den Nagel gehängt?

    Sailer: "Ich habe mit zehn Jahren mit Schülerrennen begonnen und wollte unbedingt Olympiasieger werden. Als ich dies 1956 in Cortina mit den drei Goldenen erreicht hatte, wollte ich schon aufhören. Bei der WM in Bad Gastein bin ich nur gestartet, um zu beweisen, dass die Erfolge von Cortina keine Eintagsfliegen waren."

    Es gab damals aber auch schon Schwierigkeiten mit ihrem Amateurstatus. War dies auch ein Grund für ihr Karriereende?

    Sailer: "Nein, mir war klar, dass die Abfahrt in Bad Gastein mein letztes Rennen sein wird. Ich bin dann im Mai 1958 aber mit meinem Anwalt trotzdem zur FIS, die mir ja vorwarf, durch Filme, durch die Sailer-Textilien und durch Werbung Geld zu verdienen. Ich wollte dies für meine Rennfahrerkollegen klären. Wollte wissen, wann man verdient, ob bei einem Schilling, oder bei Hunderttausend. Zumindest was die FIS angeht, wurde in Folge einiges toleriert."

    Und heute sind die Topfahrer Profis.

    Sailer: "Das ist auch gut so, denn in vielen Ländern zählt ein Amateur nicht so viel. Ich finde auch, dass die Preisgelder im Skisport zu gering sind. Was sind da schon 100.000 Franken, das bekommt ja der Fünfzigste bei einem Golfturnier. Ich wäre dafür, dass alle, die in Weltcupränge fahren, je nach erreichten Punkten Geld bekommen sollten. Ich plädiere sogar dafür, dass man im Europacup, der zweiten Schiene, Geld verdienen soll. Da können die Fahrer dort auch sagen: Ich bin Profi. Der olympische Gedanke, dabei sein ist alles, ist ja recht nett. Es zählt aber doch nur, die Rennen zu gewinnen. Es wäre nicht lustig, wenn nicht der Ernst dabei wäre."

    Können dann aber Weltcupveranstalter nicht sagen, das können wir uns nicht leisten, wir veranstalten keine Rennen mehr?

    Sailer: "Ich erinnere nur an das Weltcupfinale in Lenzerheide. Die wollten nicht Hunderttausend Franken Preisgeld zahlen. Ich blieb als Vorsitzender des Alpin-Komitees aber hart, ließ nicht mit mir feilschen. Lenzerheide hat sich dann viel einfallen lassen, um Geld hereinzubekommen. Jetzt bewirbt sich Lenzerheide bereits um das Weltcupfinale 2007, weil sie sahen, dass dies ein Geschäft und Erfolg ist."

    Die Hahnenkamm-Rennen sind jedes Jahr ein großer Erfolg. Warum?

    Sailer: "Weil wir uns anstrengen. Nur wenn man sich einsetzt, dann spielt auch die Musi. Ich kann nicht Schumacher nach Kitzbühel holen und keiner weiß davon. Das muss man arrangieren und auch kommunizieren."

    Und trotzdem haben sie nach 20 Jahren im Jänner das Amt des Rennleiters zurückgelegt. Warum?

    Sailer: "Ich bin von diesem Rücktritt wieder zurückgetreten. Unser Skiclub-Präsident Christian Poley bat mich, noch einmal den Rennleiter zu machen, weil erst im Frühjahr 2006 im KSC Neuwahlen sind. Als Geschenk an Poley mache ich im Jänner noch einmal den Rennleiter, definitiv aber das letzte Mal."

    In siebzig Jahren Toni Sailer gab es viele Höhepunkte, was waren die Tiefschläge?

    Sailer: "Es scheint nicht immer die Sonne, aber jammern hilft nicht. Zum Beispiele gehören der Tod und das Sterben zum Leben. Vor fünf Jahren starb meine Frau Gabriele, und es war für sie, aber auch für uns Beteiligten eine Erlösung. Trotzdem wird sie mir immer fehlen, das Gleiche wird es nicht mehr geben. Auch der Tod meiner Mutter war etwas Besonderes. Wenn ich so nachdenke, gehen mir schon viele Menschen ab, mit denen ich noch gerne einmal kurz zusammen wäre, um zu diskutieren."

    Nach der Skikarriere begannen Sie mit der Schauspielerei. Warum feierten Sie gerade in Japan Riesenerfolge?

    Sailer: "1957 war ich mit Josl Rieder in Tokio und wurde vom Kronprinz in den Kaiserpalast, der für Normalsterbliche geschlossen war, eingeladen. Das war eine Riesensensation. Die Filme 'Der Schwarze Blitz' und 'Zwölf Mädchen und ein Mann' waren dann in Japan Kassenschlager, die haben solche Klassiker wie 'Vom Winde verweht' oder 'Die Katze auf dem heißen Blechdach' ausgestochen. Ich habe dann in Japan sechseinhalb Monate 'König der silbernen Berge' gedreht. Heute kennt in Japan jeder die Lieder daraus - wie 'Ich bin der glücklichste Mann der Welt'."

    Wie viele Filme haben Sie gedreht?

    Sailer: "Ich bin kein Statistiker, man sagt, dass ich in 22 Filmen die Hauptrolle hatte. Es gibt aber auch Filme, da hätte ich alles verwettet, wenn jemand gesagt hätte, ich hätte mitgespielt."

    Zum Beispiel?

    Sailer: "Die Tante Trude aus Buxtehude."

    Heute gilt Ihre Leidenschaft dem Golfsport. Wie kamen Sie dazu?

    Sailer: "Als Jugendliche haben wir Fußball und Tennis gespielt. Es wurde dann in Kitzbühel eine Golfanlage errichtet. Ich bin dann einmal mit meinen weißen Tennisdress und Schuhen rauf gegangen, um mir das alles anzusehen. Da gab es einen Grafen, der lud mich ein, auf der Driving-Ranch einige Bälle zu schlagen. Nach fünf Bällen hatte ich den Griff heraußen und wurde gleich eingeladen, auf die Neun-Loch-Anlage zu gehen. Da habe ich gleich beim fünften und beim achten Loch ein Birdie geschafft und wurde anschließend im Golfclub als größtes Talent des Jahrhunderts vorgestellt. Aber ein Tiger Woods bin ich nicht. Meine Frau war die bessere Spielerin, sie war sogar deutsche Juniorenmeisterin."

    Fahren Sie noch viel Ski?

    Sailer: "Je nach Lust, das Wetter spielt dabei keine Rolle. Ich habe meine Routen in Kitzbühel und Umgebung, wo ich ungestört fahren kann. Dann beaufsichtige ich oft Kinder von Bekannten und muss meine Toni-Sailer-Sport-Kollektion auch ausprobieren und testen. Ich fahre auch, um in Bewegung zu bleiben."

    Welche Trophäen haben Sie noch zu Hause in Gundhabing bei Kitzbühel?

    Sailer: "Die Olympia-und die WM-Medaillen sind in einer Vitrine unter dem Wohnzimmertisch. Die Pokale sind in einem Schrank im Toni-Sailer-Haus in Kitzbühel."

    Und die berühmte weiße Zipfelmütze?

    Sailer: "Die Mädchen haben früher bei den Trainingskursen für uns immer gestrickt - von Socken bis zu Mützen. Ich bekam immer die weiße, andere Fahrer eine blaue oder rote. Nur Anderl Molterer bekam keine, weil er am liebsten ohne fuhr. Die von 1958 habe ich nicht mehr, und die von Cortina liegt eingemottet in einem Plastiksackerl im Keller."

    Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

    Sailer: "Ich möchte noch ein paar Gipfel im Wilden Kaiser besteigen und den Nanga Parbat und den Mount Everest. Der Mount Everest hat mich immer schon fasziniert. Ich bin einmal mir einem Propellerflugzeug vorbeigeflogen, das war fantastisch."(APA)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Sailer vor seiner Medaillensammlung.

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