Österreichs Ski-Legende Toni Sailer sprach 2005 anlässlich seines 70. Geburtstages über Amateurstatus, Tiger Woods und "die Tante Trude aus Buxtehude"
Herr Sailer, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Lassen
Sie uns zurückblicken. Ihre Skikarriere war erfolgreich, aber kurz.
Warum haben sie die Brettln so schnell an den Nagel gehängt?
Sailer: "Ich habe mit zehn Jahren mit Schülerrennen begonnen und
wollte unbedingt Olympiasieger werden. Als ich dies 1956 in Cortina
mit den drei Goldenen erreicht hatte, wollte ich schon aufhören. Bei
der WM in Bad Gastein bin ich nur gestartet, um zu beweisen, dass die
Erfolge von Cortina keine Eintagsfliegen waren."
Es gab damals aber auch schon Schwierigkeiten mit ihrem
Amateurstatus. War dies auch ein Grund für ihr Karriereende?
Sailer: "Nein, mir war klar, dass die Abfahrt in Bad Gastein mein
letztes Rennen sein wird. Ich bin dann im Mai 1958 aber mit meinem
Anwalt trotzdem zur FIS, die mir ja vorwarf, durch Filme, durch die
Sailer-Textilien und durch Werbung Geld zu verdienen. Ich wollte dies
für meine Rennfahrerkollegen klären. Wollte wissen, wann man
verdient, ob bei einem Schilling, oder bei Hunderttausend. Zumindest
was die FIS angeht, wurde in Folge einiges toleriert."
Und heute sind die Topfahrer Profis.
Sailer: "Das ist auch gut so, denn in vielen Ländern zählt ein
Amateur nicht so viel. Ich finde auch, dass die Preisgelder im
Skisport zu gering sind. Was sind da schon 100.000 Franken, das
bekommt ja der Fünfzigste bei einem Golfturnier. Ich wäre dafür, dass
alle, die in Weltcupränge fahren, je nach erreichten Punkten
Geld bekommen sollten. Ich plädiere sogar dafür, dass man im
Europacup, der zweiten Schiene, Geld verdienen soll. Da können die
Fahrer dort auch sagen: Ich bin Profi. Der olympische Gedanke, dabei
sein ist alles, ist ja recht nett. Es zählt aber doch nur, die Rennen
zu gewinnen. Es wäre nicht lustig, wenn nicht der Ernst dabei wäre."
Können dann aber Weltcupveranstalter nicht sagen, das können
wir uns nicht leisten, wir veranstalten keine Rennen mehr?
Sailer: "Ich erinnere nur an das Weltcupfinale in Lenzerheide. Die
wollten nicht Hunderttausend Franken Preisgeld zahlen. Ich blieb als
Vorsitzender des Alpin-Komitees aber hart, ließ nicht mit mir
feilschen. Lenzerheide hat sich dann viel einfallen lassen, um Geld
hereinzubekommen. Jetzt bewirbt sich Lenzerheide bereits um das
Weltcupfinale 2007, weil sie sahen, dass dies ein Geschäft und Erfolg
ist."
Die Hahnenkamm-Rennen sind jedes Jahr ein großer Erfolg.
Warum?
Sailer: "Weil wir uns anstrengen. Nur wenn man sich einsetzt, dann
spielt auch die Musi. Ich kann nicht Schumacher nach Kitzbühel holen
und keiner weiß davon. Das muss man arrangieren und auch
kommunizieren."
Und trotzdem haben sie nach 20 Jahren im Jänner das Amt des
Rennleiters zurückgelegt. Warum?
Sailer: "Ich bin von diesem Rücktritt wieder zurückgetreten. Unser
Skiclub-Präsident Christian Poley bat mich, noch einmal den
Rennleiter zu machen, weil erst im Frühjahr 2006 im KSC Neuwahlen
sind. Als Geschenk an Poley mache ich im Jänner noch einmal den
Rennleiter, definitiv aber das letzte Mal."
In siebzig Jahren Toni Sailer gab es viele Höhepunkte, was
waren die Tiefschläge?
Sailer: "Es scheint nicht immer die Sonne, aber jammern hilft
nicht. Zum Beispiele gehören der Tod und das Sterben zum Leben. Vor
fünf Jahren starb meine Frau Gabriele, und es war für sie, aber auch
für uns Beteiligten eine Erlösung. Trotzdem wird sie mir immer
fehlen, das Gleiche wird es nicht mehr geben. Auch der Tod meiner
Mutter war etwas Besonderes. Wenn ich so nachdenke, gehen mir schon
viele Menschen ab, mit denen ich noch gerne einmal kurz zusammen
wäre, um zu diskutieren."
Nach der Skikarriere begannen Sie mit der Schauspielerei.
Warum feierten Sie gerade in Japan Riesenerfolge?
Sailer: "1957 war ich mit Josl Rieder in Tokio und wurde vom
Kronprinz in den Kaiserpalast, der für Normalsterbliche geschlossen
war, eingeladen. Das war eine Riesensensation. Die Filme 'Der
Schwarze Blitz' und 'Zwölf Mädchen und ein Mann' waren dann in Japan
Kassenschlager, die haben solche Klassiker wie 'Vom Winde verweht'
oder 'Die Katze auf dem heißen Blechdach' ausgestochen. Ich habe dann
in Japan sechseinhalb Monate 'König der silbernen Berge' gedreht.
Heute kennt in Japan jeder die Lieder daraus - wie 'Ich bin der
glücklichste Mann der Welt'."
Wie viele Filme haben Sie gedreht?
Sailer: "Ich bin kein Statistiker, man sagt, dass ich in 22 Filmen
die Hauptrolle hatte. Es gibt aber auch Filme, da hätte ich alles
verwettet, wenn jemand gesagt hätte, ich hätte mitgespielt."
Zum Beispiel?
Sailer: "Die Tante Trude aus Buxtehude."
Heute gilt Ihre Leidenschaft dem Golfsport. Wie kamen Sie dazu?
Sailer: "Als Jugendliche haben wir Fußball und Tennis gespielt. Es
wurde dann in Kitzbühel eine Golfanlage errichtet. Ich bin dann
einmal mit meinen weißen Tennisdress und Schuhen rauf gegangen, um
mir das alles anzusehen. Da gab es einen Grafen, der lud mich ein,
auf der Driving-Ranch einige Bälle zu schlagen. Nach fünf Bällen
hatte ich den Griff heraußen und wurde gleich eingeladen, auf die
Neun-Loch-Anlage zu gehen. Da habe ich gleich beim fünften und beim
achten Loch ein Birdie geschafft und wurde anschließend im Golfclub
als größtes Talent des Jahrhunderts vorgestellt. Aber ein Tiger Woods
bin ich nicht. Meine Frau war die bessere Spielerin, sie war sogar
deutsche Juniorenmeisterin."
Fahren Sie noch viel Ski?
Sailer: "Je nach Lust, das Wetter spielt dabei keine Rolle. Ich
habe meine Routen in Kitzbühel und Umgebung, wo ich ungestört fahren
kann. Dann beaufsichtige ich oft Kinder von Bekannten und muss meine
Toni-Sailer-Sport-Kollektion auch ausprobieren und testen. Ich fahre
auch, um in Bewegung zu bleiben."
Welche Trophäen haben Sie noch zu Hause in Gundhabing bei
Kitzbühel?
Sailer: "Die Olympia-und die WM-Medaillen sind in einer Vitrine
unter dem Wohnzimmertisch. Die Pokale sind in einem Schrank im
Toni-Sailer-Haus in Kitzbühel."
Und die berühmte weiße Zipfelmütze?
Sailer: "Die Mädchen haben früher bei den Trainingskursen für uns
immer gestrickt - von Socken bis zu Mützen. Ich bekam immer die
weiße, andere Fahrer eine blaue oder rote. Nur Anderl Molterer bekam
keine, weil er am liebsten ohne fuhr. Die von 1958 habe ich nicht
mehr, und die von Cortina liegt eingemottet in einem Plastiksackerl
im Keller."
Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Sailer: "Ich möchte noch ein paar Gipfel im Wilden Kaiser
besteigen und den Nanga Parbat und den Mount Everest. Der Mount
Everest hat mich immer schon fasziniert. Ich bin einmal mir einem
Propellerflugzeug vorbeigeflogen, das war fantastisch."(APA)