Buchtipp: "Wiener Schauplätze der Psychoanalyse"

24. November 2005, 09:52
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Von der Berggasse 19 bis zum Schloss Belle Vue - Buch folgt den Spuren Sigmund Freuds

Wien - Berggasse 19 lautet eine der wohl weltweit bekanntesten Wiener Adressen. Natürlich bildet die Wohnung und Praxis in dem damals neu gebauten Gründerzeithaus am Alsergrund, in das Sigmund Freud 1891 einzog und in dem er bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten 1938 lebte und arbeitete, den Ausgangspunkt einer Recherche über "Wiener Schauplätze der Psychoanalyse". Lisa Fischer und Regina Köpl haben in ihrem im Böhlau Verlag erschienenen Buch, das am Mittwoch in der Wiener Kontrollbank präsentiert wird, auch viele weitere Adressen beschrieben.

Rundgang

Im Freud-Jahr 2006 wird der 150. Geburtstag des Seelenarztes für neues Interesse sorgen. Eine sehr kursorisch gehaltene Kurz-Einführung in Freuds Lehre durch Gerhard Benetka soll das Buch auch ohne Vorkenntnisse lesbar machen. Tatsächlich gelingt es den beiden Autorinnen, deren Spezialgebiete Geschichte und Kulturgeschichte, Politologie und Soziologie sind, anhand eines Rundgangs zu den Orten auch eine lebendige Darstellung des Umfeldes Freuds zu geben.

"Redekur"

Besucht werden Stätten der Lehre wie das Chemische Institut, das Alte AKH oder die alte Universität, in denen Freud mit seinem Medizin-Studium sich die Grundlagen im Wissen um den Menschen erarbeite, Wohnungen seiner wichtigsten Patienten oder das Cafe Landtmann, von wo Freud nicht selten in den ersten Stock wechselte, um in der Wohnung der großbürgerlichen Familie Lieben Gast zu sein. Anna von Lieben war lange Zeit eine für die Weiterentwicklung der "Redekur" wichtige Patientin, leider sind die Aufzeichnungen über ihre Erfahrungen dabei nicht erhalten.

"Das Geheimnis des Traumes"

Natürlich kommt auch die psychiatrische Anstalt "Am Steinhof" vor. Hier starb 1979 der letzte noch lebende Patientin Freuds, Sergej Pankejeff, der als "Wolfsmann" berühmt wurde. Auch jene Stätten der Ruhe und Erholung im Wienerwald, in die sich Freud gerne zurückzog, werden behandelt - Träume und ihre Interpretation wurden schließlich ein Meilenstein für Freuds Anerkennung. "Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes", heißt es etwa auf einem Gedenkstein beim Schloss Belle Vue.

Aber auch ein dunkles Kapitel bleibt nicht unerwähnt: 1924 sorgte ein spektakulärer Mordfall im Umkreis der Psychoanalyse für Aufsehen und erregte öffentliche Diskussionen. Ein junger Mann ermordete seine Tante. Hermine Hug-Hellmuth, eine Pionierin der Kinderpsychoanalyse, hatte ihren Neffen analysiert und als "interessanten Fall" publiziert. Der Täter verantwortete sich damit, dass "die psychoanalytische Erziehungsmethode" bei ihm fehlgeschlagen sei: "Psychoanalyse tagaus tagein richtet einen Menschen zugrunde". (APA)

Lisa Fischer, Regina Köpl: "Sigmund Freud. Wiener Schauplätze der Psychoanalyse"
Böhlau Verlag, 222 Seiten, 19,90 Euro
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    Das Wartezimmer in Sigmund Freuds Praxis in der Berggasse 19

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