Pressestimmen zu Frankreich-Unruhen

17. November 2005, 19:00
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Hat Chirac die "richtigen Worte" gefunden? - "Ratlosigkeit und Zynismus"

Paris - Die Jugendunruhen in Frankreich und die Rede von Präsident Jacques Chirac an die Nation stehen am Dienstag im Vordergrund verschiedener Pressekommentare:

  • "Le Figaro" (Paris):

    "Alles in allem scheint diese Episode der Unruhe für die Regierenden, die mit Mann und Maus in dem Sturm hätten untergehen können, doch deutlich glimpflicher zu Ende zu gehen als sie begonnen hatte. Nach den wenig ruhmreichen Streitigkeiten in den ersten Tagen der Unruhen stand die von dem Regierungsteam wieder hergestellte Einheit im Kontrast zu der verhaltenen Polemik der Sozialistischen Partei, die noch nie so weit von den Sorgen der Franzosen entfernt gewesen zu sein scheint wie in diesen Wochen."

  • "Libération" (Paris):

    "Jacques Chirac hat nicht abgedankt, er ist im Fernsehen zu sehen. Zu den Jugendunruhen hat er eine zutreffende Diagnose parat: 'Eine Sinn-Krise, eine Krise der Orientierung und der Identität.' Dabei hütet er sich davor, nach irgendeiner politischen Verantwortung dafür zu suchen. Zwar hat der Präsident Worte dafür gefunden, Diskriminierung anzuprangern, dieses 'Gift für unsere Gesellschaft'. Als Heilmittel bietet er den Jugendlichen in den Problemvierteln, alles 'Töchter und Söhne der Republik', allerdings nur Placebos an. Alles in allem kann die Rede - wie auch die nicht mehr gerechtfertigte Verlängerung des Notstandsrechts - kaum die Bestürzung eines Präsidenten angesichts seiner kärglichen Bilanz verbergen."

  • "La Stampa" (Turin):

    "Chirac, dem vorgehalten wurde, in der um sich greifenden Krise nicht präsent zu sein, hat sich also an die Franzosen gewandt. Er hat in seiner Rede im Fernsehen die richtigen Worte gefunden, indem er sich an die Jugendlichen wandte und ihnen sagte: 'Ihr seid alle Söhne und Töchter der Republik.' Und er hat dabei keine vage Umschreibung zur Diagnose der Krise benutzt. (...) Er hat klar und deutlich von 'Diskriminierung' gesprochen. Weniger deutlich erschien allerdings seine Strategie zur Heilung. Dabei hat er auf der einen Seite Härte demonstriert und die Verlängerung des Notstandsrechts angekündigt. Aber die Rückkehr zur Normalität liegt ganz offensichtlich noch in weiter Ferne..."

  • "Frankfurter Allgemeine Zeitung":

    "Der Staatspräsident wirkt von den Ereignissen überfordert: Wochenlang hatte er geschwiegen, bevor er sich jetzt mit einer Ansprache an die Öffentlichkeit wandte. Der Wettstreit zwischen Premierminister Dominique de Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy um die beste Ausgangsposition für die Präsidentenwahl, der auch in dieser für das Land schwierigen Zeit ungebremst weiterging, fügt der Ratlosigkeit noch den Zynismus hinzu."

  • "Der Tagesspiegel" (Berlin):

    "So hilflos erwies sich schon lange kein Präsident mehr. Und auch so erfolglos. 1995 war er mit der Verheißung gewählt worden, die sozialen Gräben zuzuschütten, die die französische Gesellschaft durchziehen. Bei seiner Wiederwahl 2002 hatte er die Wiederherstellung der inneren Sicherheit als vorrangige Aufgabe dargestellt. Die Bilanz seiner Politik ist nun in den Vorstädten zu besichtigen..." (APA/dpa)

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