Ebadi fordert "Front progressiver Moslems"

15. November 2005, 18:29
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Brahimi: Diversität ist keine Bedrohung

Wien - Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hat am Montagabend vor der Islam-Konferenz in Wien "eine Front der progressiven Moslems" gefordert und zugleich die Gemeinsamkeiten zwischen den großen Religionen hervorgehoben. Hier gehe es nicht um eine reale Front, sondern eine Front, "die in den Köpfen der neuen moslemischen Denker Gestalt annehmen muss". Ausdrücklich verwahrte sich Ebadi dagegen, den Islam als Vorwand für Terrorismus oder Unterdrückung zu nützen.

Menschen, die "den wahren Islam ächten", verwendeten diesen oft als Vorwand. Sie versuchten auf diese Weise, einen Zusammenstoß der Zivilisationen und Kriege im Nahen Osten zu rechtfertigen, so Ebadi. Der "wahre Islam", der an die Menschenrechte glaube, werde heute von zwei Seiten angegriffen, von den Fundamentalisten in den eigenen Reihen und von den Feinden des Islam. Ebadi plädierte für einen "aufgeklärten Islam" mit Liebe und Mitgefühl und gegen Gewalt und Terror.

Viele Regierungen verstreckten sich "hinter dem Schild des Islam", sagte Ebadi weiter. Sie rechtfertigten ihre Haltung, indem sie "eine verzerrte Version des Islam als Schutzschild vorhalten". Massaker seien in der Geschichte auch durch andere Ideologien gerechtfertigt worden, etwa im Stalinismus oder im Kommunismus Chinas. Auch die Inquisition habe behauptet, im Namen Christi zu handeln.

Die Religionen sollten ihr Augenmerk mehr auf ihre Gemeinsamkeiten richten, forderte Ebadi. "Religion und Menschenrechte sind der gemeinsame Nenner aller Kulturen." Demnach könne es auch keine einzelnen Menschenrechtserklärungen auf religiöser Basis geben, denn dies würde letztlich in eine Sackgasse führen.

Die Fehler Einzelner dürfen nach den Worten Ebadis nicht Religionen angekreidet werden. "Anschläge im Namen einer Religion sind ein Missbrauch." So dürften fehlgeleitete Handlungen einzelner Täter nicht dem Islam angekreidet werden. Für Gräueltaten von Katholiken in Bosnien dürfe man das Christentum ebenso wenig verantwortlich machen, wie das Judentum für die Nichteinhaltung von UNO-Resolutionen durch Israel.

Der persönliche Repräsentant von Kofi Annan, Lakhdar Brahimi, übermittelte die Wünsche des UNO-Generalsekretärs und betonte, die Vereinten Nationen hätten im Dialog immer einen wichtigen Baustein für den Frieden gesehen. Die Welt des Islam sei ein Mosaik, das oft von außen "als monolithischer Block gesehen wird", sagte Brahimi. Oft werde der Koran aus dem Kontext gerissen zitiert. Die Religionen hätten im Lauf der Geschichte voneinander profitiert, so auch die europäische Zivilisation vom Wissen islamischer Gelehrter.

"Diversität ist ein wertvolles Geschenk und keine Bedrohung", hielt der algerische Diplomat ausdrücklich fest. Die UNO betrachte es als ihre Aufgabe, alle Glaubensgemeinschaften zu ermutigen, Beiträge zu leisten und jene der anderen zu akzeptieren. Es gelte, den Extremismus zu bekämpfen, nicht nur im Islam. Bedrohend seien jene, die Grenzlinien überschreiten. Die Welt dürfe auf Extremisten aber nicht mit Ausgrenzung reagieren.

Brahimi würdigte eine spanisch-türkische Initiative, die auf Ebene der Institutionen und der Zivilgesellschaft eine Allianz anstrebt, um aufkommende Spannungen zwischen den Religionen abzubauen. Er brachte seine Genugtuung zum Ausdruck, dass der frühere iranische Staatspräsident Mohammad Khatami, der ebenfalls an der Wiener Konferenz teilnimmt, dem Präsidium dieser Initiative angehören werde. (APA)

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