Parma leidet unter Schinken-Raubkopien

29. November 2005, 12:46
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Die Region überstand das Parmalat-Debakel gut - Allein der weltberühmte Schinken macht ein wenig Sorgen: "Nachahm­ungen" decken bereits bis zu einem Drittel des Verbrauchs

"Der Milliardenschwindel bei Parmalat hat zwar einen psychologischen, keineswegs aber einen wirtschaftlichen Schaden verursacht." Als Beweis dafür sieht Elvio Ubaldi, Bürgermeister der Stadt Parma, die Arbeitslosenrate, die nur 3,1 Prozent beträgt, gegenüber 7,8 Prozent im Landesschnitt. "Es müsste verboten werden, dass Unternehmen den Namen einer Stadt annehmen", so Ubaldi im STANDARD-Gespräch.

Die Einwohner von Parma hätten außerdem kaum in Parmalat-Anleihen und -Aktien investiert. Übersetzt heißt das wohl, dass man dem Molkereikonzern in Parma bereits vor der Entdeckung des gigantischen Bilanzschwindels nicht ganz traute. Aber: Der Schaden habe sich auf die Kreditwürdigkeit ausgewirkt. "Einige Zeit haben die Banken gezögert, unseren Unternehmen Kredit zu gewähren", sagte der Bürgermeister.

Parma selbst ist bei Weitem nicht nur Parmalat. Von hier kommen auch die berühmten Barilla-Nudeln, und rund 600 mittelständische und kleinere Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von acht Mrd. Euro sind rund um Parma tätig.

1,8 Milliarden Euro Umsatz

Allein im Konsortium der Erzeuger des famosen Parmaschinkens "Consorzio Prosciutto di Parma" sind 180 Firmen mit einem Jahresumsatz von 1,8 Mrd. Euro vereint. Deren größtes Problem sind die Raubkopien.

Nachahmungen des Schinkens, der als DOP, also Produkt mit geschützter Ursprungsbezeichnung, sehr auf Qualität und Sicherheit achtet, sind weltweit üblich. Stefano Tedeschi, der Konsortialpräsident, fordert deshalb rigorose Maßnahmen gegen die Raubkopien, die vielfach in Italien selbst, aber auch in Osteuropa hergestellt werden.

Der "nachgeahmte" Schinken decke bereits bis zu ein Drittel des Verbrauchs. China sei eine "Gelegenheit", bestätigte Tedeschi den Trend der chinesischen Verbraucher nach qualitativ hoch stehenden Nahrungsmitteln. Schließlich sei der Parmaschinken der Luxusbranche zuzuordnen.

Hoffen auf Exporte

Tedeschi hofft vor allem durch gesteigerte Exporte den Produktionsüberschuss wettmachen zu können. Bis dato werden erst 18 Prozent des Umsatzes in Höhe von 1,8 Mrd. Euro exportiert. "Österreich zählt zu unseren besten Absatzmärkten, die Österreicher verstehen was von Qualität", hieß es im Konsortium.

Die neue Parmalat mit ihrem Sanierer Enrico Bondi wird nach der Börsennotierung inzwischen wieder attraktiv. Es bestehen sogar realistische Chancen, dass Bondi von den Banken einen Teil der 50-Milliarden-Euro-Schadenersatzforderungen eintreiben kann. Auch sollen mehrere nationale (Granarola) und internationale Konzerne (Lactalis aus Frankreich, Nestlé aus der Schweiz) an einer Übernahme interessiert sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.11.2005)

Thesy Kness-Bastaroli aus Parma
  • Artikelbild
    foto: reiters/fred prouser
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