Anti-Amok eines Siegers

19. Dezember 2005, 19:12
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Mit 9/11-Bildern, Hitler-Konterfrei, Oberwart, Franz Fuchs & Co wird dem professorale Analysemarathon "Die unterbliebenen Worte" in der Drachengasse Nachdruck verliehen

Was passiert mit den Gigamilliarden Stunden von in Diktaphone hineingesprochenen Gedächtnisprotokollen der Ermittlungsbeamten? Nichts. Es handelt sich dabei bloß um ein in Fernsehkrimis kultiviertes Relikt zum Zweck griffiger Dramaturgie. Auch in Rupert Hennings Psychodrama "Die unterbliebenen Worte" lispelt die im Abschiedsvideo eines zukünftigen (Selbst-)Mörders zitierte Entwicklungspsychologin Mari Jókai (Mercedes Echerer) hektisch analytische Bonmots ins Aufnahmegerät: Subtext und Lehrstoff fürs anwesende Publikum.

Auch sonst ist dieser vor allem mit Livevideoeinsatz vom Autor selbst inszenierte Antiamoklauf mehr ein Dienst an der Vortragskunst denn am Theater. Ausgangspunkt: Ein Student (David Weber) kündigt per Video an, seine Eltern und dann sich umzubringen. Im Unterschied zu den realen Amokläufen von Erfurt oder Springfield, wo sozial isolierte Jugendliche Massaker verübten, gehöre er als erfolgreicher Spross angesehener Eltern zu den Gewinnern. Diese Erkenntnis, dass es Sieger nur auf Kosten von Verlierern gibt, raubt dem Mann jede Hoffnung.

Mit 9/11-Bildern, Hitler-Konterfrei, Oberwart, Franz Fuchs & Co wird dem professorale Analysemarathon dann noch Nachdruck verliehen. Fazit: Schlechte Welt und kein gutes Theater. (afze/DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

Theater Drachengasse, 1., Fleischmarkt 22, (01) 513 14 44. 20.00
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