Reportage: Abschiedstränen beim Aufbruch

20. November 2005, 19:36
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Rote Zeitenwende: Gerührt nimmt Bundeskanzler Gerhard Schröder Abschied von der SPD - Applaus und Tränen

Riesengroß ist die Halle, in der die SPD ihren dreitägigen Parteitag abhält. Und dennoch: Die Designer haben es geschafft, fast schon heimelige Atmosphäre zu schaffen. "Vertrauen in Deutschland" steht auf Transparenten, die weit in die dicht gefüllten Reihen reichen, fast als wollten sie die Basis umarmen und zusammenhalten.

Eine neue Zeit bricht an für die SPD. Nach sieben Jahren ist sie nicht mehr die führende Partei in der Regierung, sondern Juniorpartnerin unter CDU-Kanzlerin Angela Merkel - auch wenn Franz Müntefering noch so oft betont: "Wir bekommen eine Koalition auf Augenhöhe."

In Karlsruhe legt er sich noch einmal richtig ins Zeug. Es ist sein Abschied vom SPD-Vorsitz. Am Dienstag wird Matthias Platzeck, der schon Schröders Kämpfer-Look (aufgekrempeltes Hemd) übernommen hat, zum neuen Vorsitzenden gewählt, "Münte" sitzt ab kommender Woche als Vizekanzler in Merkels Kabinett. Und er weiß, dass viele Genossen damit hadern, genauso wie mit dem Koalitionsvertrag.

"Lasst es uns wagen"

"Das Programm hat hinreichend sozialdemokratische Anteile", ruft er ihnen zu und zählt auf, was die SPD alles erreicht hat: Elterngeld, Anhebung der Arbeitslosengeldes II (Hartz IV) im Osten auf Westniveau, kein Abstrich beim Atomausstieg, Sicherung der Tarifautonomie, Reichensteuer. Müntefering: "Das sind alles keine Kleinigkeiten."

Ja, er wisse schon, dass der Koalitionsvertrag "nicht reinrassig" sei, gibt der scheidende SPD-Chef zu. Aber da hat der bodenständige "Münte" auch gleich wieder einmal eine "alte Weisheit vom Dorf" für die Skeptiker auf der Zunge: "Es sind oft die Straßenköter, die sich durchsetzen, nicht die reinen Sensibelchen." Dann bittet er den Parteitag: "Lasst es uns wagen mit Leidenschaft! Es ist besser mit der Kraft, die wir haben, mitzuregieren, als ohne Einfluss in der Opposition zu sein."

Am frühen Nachmittag gibt es "Kanzler-Kino". Zum Abschied zeigt ein kurzer Film Schröders Stationen als Regierungschef. Jubel bei der Machtübernahme, das Nein zum Irakkrieg, die Ankündigung der Reformen - in Sekundenschnelle schwirren die Bilder vorbei. Schröder freut sich, dass sein "suboptimaler" TV-Auftritt am Wahlabend, als er Merkel anpöbelte, sie könne nicht Kanzlerin werden, nicht gezeigt wurde.

Nun, acht Wochen später, klingt er ganz anders. Er bittet ebenfalls um "möglichst umfängliche Zustimmung" zum Koalitionsvertrag. Die Reformen müssten weitergehen und "nur die große Koalition vermag eine stabile, handlungsfähige Regierung bilden", sagt er und mahnt, man müsse die neue Regierung "als Chance begreifen, nicht als etwas Auferzwungenes".

Doch es gibt auch einige, die das anders sehen. "Es ist ein absolutes Minimalprogramm. Die Gesundheitsreform wird schon wieder verschoben", kritisiert etwa der Juso-Vorsitzende von Baden-Württemberg, Hendrik Bednarz. Aber er stimmt doch "mit Bauchschmerzen" für den Kompromiss, "weil es ja doch keine Alternative gibt".

Als Schröder endgültig Adieu sagt, gibt es so viel Applaus, dass ihm Tränen in die Augen treten. Bevor er geht, winkt er und ballt noch einmal die Siegesfaust, wie er es im Wahlkampf immer getan hatte. Sieben Jahre Kanzlerschaft sind fast zu Ende. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

Birgit Baumann aus Karlsruhe
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Medialer Abschied von Müntefering.

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