"Für sie gibt es nichts zu verlieren"

17. Mai 2006, 10:01
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Kilian, Gedenkdiener in Paris, im derStandard.at -Interview über seine Sicht der Krawalle, Ausweiskontrollen und Solidarität

derStandard.at: Du wohnst selbst in der Banlieue (Sceaux), welche persönlichen Erlebnisse hattest du?

Kilian Rieder: Allgemein habe ich das Gefühl, dass seit Beginn der Krawalle eine Art Solidarität entstanden ist, die die Jugendlichen hier stärker untereinander verbindet als zuvor und sie gleichzeitig von denjenigen trennt, die sie als nicht zugehörig zu ihrer Gruppe einordnen. Gewalt gegen andere Personen ist zwar selten, aber nicht mehr ausgeschlossen und löst nicht nur bei mir, sondern mittlerweile auch in meinem französischen Freundeskreis eine gewisse Ratlosigkeit aus. Die Mutter einer in der östlichen Banlieue wohnenden Arbeitskollegin wurde, um ein Beispiel zu geben, letzte Woche nach einem Überfall ins Krankenhaus eingeliefert.

Polizeipatrouillen sind auch in Sceaux zum Alltag geworden, vor allem im nahen Park sieht man kaum eine Allee ohne Sicherheitsposten. Selbst im Zentrum von Paris ist es nicht ratsam ohne Papiere außer Haus zu gehen, Samstag abends wurden wir dreimal von Polizisten gebeten uns auszuweisen. Jetzt hat sich die Situation jedoch ein wenig entspannt, paradoxerweise aber erst durch das Ende des am Wochenende gültigen Versammlungsverbotes.

derStandard.at: Wer sind die Jugendlichen, die im Banlieue bei den Krawallen dabei sind?

Kilian Rieder: Es ist sehr schwer genau zu definieren, wer wirklich bei den Krawallen mitmacht. Man kann auf keinen Fall behaupten, dass alle Jugendlichen oder jungen Erwachsenen im Banlieue - das gilt auch für die sogenannten "quartiers difficiles" wie Aulnay-sous-Bois - automatisch dieser sozial armen Schicht angehören und an den Gewaltakten teilnehmen. Was die Jugendlichen, die an den Krawallen teilnehmen, meiner Meinung nach aber am besten beschreibt, ist die Tatsache, dass es für sie nichts zu verlieren gibt. Ich glaube, dass das auch eine Gemeinsamkeit ist, die sie erst vor kurzem entdeckt haben.

Auch wenn Gewalt ohne jegliche Organisation verübt wird, gibt es immerhin Ziele, die alle gemeinsam teilen. Das können Wünsche sein, die für Jugendliche in Österreich fast selbstverständlich sind. Es geht zum Beispiel um die Möglichkeit am Abend ausgehen zu können ohne permanent dem Risiko ausgesetzt zu sein von anderen Jugendlichen überfallen zu werden – auch der Wunsch ein Studium oder eine höhere Ausbildung beginnen zu können bleibt für viele ein Traum.

derStandard.at: Inwiefern ist bei manchen jungen Leuten, die sich an den Krawallen beteiligen, "dabei sein ist alles" ein Motiv?

Kilian Rieder: Dass es extrem viele Ersttäter gibt, bezeugt, dass es für die Jugendlichen wichtig ist mitzumachen. Besonders wer Geschwister hat, die "aktiv" sind, sieht sich praktisch auch dazu gezwungen teilzunehmen. Allerdings glaube ich nicht daran, dass das Motiv "dabei sein ist alles" im herkömmlichen Sinn gilt. Es gibt meiner Meinung nach auch einen Gedanken dahinter: es ist als ob sie alle endlich eine Chance bekommen hätten, ihren Willen und ihre Gedanken zu zeigen. Das Gefühl sich in seinen Möglichkeiten eingeengt zu sehen, empfinden hier 12-jährige genauso wie 18-jährige, auch wenn die Jüngeren unter Freiheit etwas anderes verstehen mögen, als die Älteren. In dem sie alle an den Krawallen teilnehmen, zeigen sie wie sehr sie Aufmerksamkeit nötig haben.

derStandard.at: Welche Meinung herrscht unter den Jugendlichen in deiner Bekanntschaft vor? Wie steht ihr zu den Krawallen?

Kilian Rieder: Angesichts der nackten Gewalt herrscht eine ziemliche Ratlosigkeit unter den jungen Parisern. Gewaltakte und Vandalismus in der Banlieue sind ja nicht neu, aber eine derartige Vielzahl an Krawallen hat es bis jetzt noch nicht gegeben. Die Reaktionen darauf in meinem Umfeld sind sehr zögerlich, aber man beginnt sich zu formieren. Es gibt laufend kleine Demonstrationen, die im Großen und Ganzen zwei Botschaften tranportieren. Einerseits drückt man das Verständnis für den Grund der Krawalle aus, andererseits wird für ein Ende des Vandalismus demonstriert.

Was die Jugendlichen in meiner Bekanntschaft stört, ist, dass es von Seiten des Staates keine nachhaltige Lösung für das Problem gibt. Die Ausweisung der jugendlichen Gewalttäter aus dem Staatsgebiet wie sie Sarkozy anstrebt, wirkt wie eine Wiedereinführung der berüchtigten "double peine". Wir können verstehen, dass die jungen Bewohner des Banlieue von der Gesellschaft akzeptiert und aufgenommen werden wollen, auch wenn sie sich im Moment gegen diese selbst wenden. Es ist also eine Art Teufelskreis, je mehr sie auf sich aufmerksam machen wollen, desto weniger will das offizielle Frankreich mit ihnen zu tun haben.

derStandard.at: Du bist bereits zwei Monate in Paris. Wie war das Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen vor den Ausschreitungen?

Kilian Rieder: Ich habe den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen, vor allem in der Banlieue, schon vor den Ausschreitungen gestört war. Die jungen Menschen hier sehen Polizisten nicht als Personen, die Hilfe und Schutz anbieten. Sie haben sie nur als Vertreiber und Unterdrücker kennengelernt. Es sind immer Polizisten, die regelmäßig kommen um sie beispielsweise aus Wohnstraßen zu vertreiben, wenn sich Anrainer über die Jugendlichen beschwert haben.

Es sind schlichte, banale Vorkommnisse, die sich aber sehr oft wiederholen und somit das Verhältnis zwischen Polizei und Jugend bestimmen. In der Banlieue ist man es nicht gewohnt, mit Polizisten zu kooperieren, sie symbolisieren den Feind. Diese Haltung der Jugendlichen wird natürlich momentan drastisch verstärkt durch die Einsätze und Straßenkämpfe, die fast täglich stattfinden – und die jungen Bewohner der Banlieue fühlen sich dadurch sogar in ihrer Meinung bestätigt.

derStandard.at: Was denkt - nach deiner Meinung - die Mehrheit der Franzosen über die Krawalle?

Kilian Rieder: Nicht wenige Franzosen begrüßen das harte Programm von Nicolas Sarkozy und zeigen demnach sehr wenig Verständnis für die Krawalle. Wer nicht die Zeit hat durchgehend die Medien zu verfolgen und sie auch kritisch zu betrachten, hat kaum eine Chance sich eine eigene Meinung zu bilden. Für manche hier scheint eine Metro ohne Verspätung wichtiger zu sein als das Ende der Krawalle. Leider.

derStandard.at: War es aus deiner Sicht eine notwendige Entscheidung, den Notstand auf Basis des Gesetzes von 1955 zu verhängen?

Kilian Rieder: Ich sehe die Maßnahmen mit sehr gemischten Gefühlen. Schließlich reduziert man mit der Verhängung eines Kriegsgesetzes die an dieser sozialen Revolution beteiligten Jugendlichen auf innere Feinde - es bedeutet eine Kriegserklärung an einen Teil der eigenen Bevölkerung. Meiner Meinung bestraft man damit in der Banlieue eher jene Leute, die ohnehin ruhig sind. Jugendliche, die nach dem Motiv "rien à perdre" agieren, werden sich nicht sonderlich durch Ausgangssperren aufhalten lassen, denke ich.

derStandard.at: Wie wird das Ganze deiner Meinung nach in den Medien reflektiert? Man hat den Eindruck, dass französische Medien die Geschehnisse sehr zurückhaltend beschreiben, nachdem ihnen eine Mitschuld am Beginn der Krawalle gegeben wurde.

Kilian Rieder: Diesen Eindruck kann ich nur bestätigen. Bis zum Mittwoch, den 2. November, war ich, bis ich von meiner Familie aus Österreich angerufen wurde, völlig uninformiert über die Geschehnisse, obwohl ich in Sceaux über Zugang zu sämtlichen Medien verfüge. Im Laufe der darauffolgenden Tage war ich immer mehr überrascht wie wenig in französischen Zeitungen über die Krawalle berichtet wird.

Während mir Freunde in Österreich über Titelbilder aus den Pariser Vorstädten berichteten, war in der Tageszeitung "Le Monde" vergleichsweise die Berichterstattung sehr spärlich. Die Zurückhaltung der Medien hat sich allerdings in den letzten Tagen zu einem regelrechten Infoboom entwickelt hat, es ist als wolle man "verlorene Zeilen" kompensieren.

Kilian Rieder ist Gedenkdiender in der "Fondation pour la mémoire de la Déportation".Auslands- und Gedenkdienst

Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg

  • Kilian Rieder in seinem Zimmer in  Sceaux, Paris. Bis Ende März absolviert er in der "Fondation pour la mémoire de la Déportation" seinen Gedenkdienst.
    foto: rieder

    Kilian Rieder in seinem Zimmer in Sceaux, Paris. Bis Ende März absolviert er in der "Fondation pour la mémoire de la Déportation" seinen Gedenkdienst.

  • In Sceaux ist weniger von den Krawallen bemerkbar. Polizeipatrouillen sind auch hier zum Alltag geworden.
    foto: rieder

    In Sceaux ist weniger von den Krawallen bemerkbar. Polizeipatrouillen sind auch hier zum Alltag geworden.

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