EZB-Ratsmitglieder stellen baldige Zinserhöhung in den Raum

21. November 2005, 12:56
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Liebscher: "Vorbeugung besser als nachträglich Heilung" - Noyer: "Zinserhöhung bremst nicht notwendigerweise das Wachstum" - Grasser: "Zinsniveau absolut adäquat"

Paris - Die beiden EZB-Ratsmitglieder Klaus Liebscher und Christian Noyer haben heute, Montag, eine baldige Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EBZ) in den Raum gestellt. "Ich gehöre zum Lager derer, die sagen, Vorbeugung ist besser als eine nachträgliche Heilung", sagte Liebscher, der auch Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) ist. Dieser Aussage schloss sich Frankreichs Notenbankpräsident Noyer ausdrücklich an. Finanzminister Karl Heinz Grasser sprach sich heute dagegen gegen eine Zinserhöhung aus.

"Ich glaube nicht, dass es gut ist, bis sich manche Dinge materialisieren. Viel besser ist es, wenn sie sich nicht materialisieren", sagte Liebscher heute am Rande einer OeNB-Veranstaltung vor Journalisten mit Verweis auf gestiegene Inflationsrisken.

Gefragt, ob die Wirtschaft stark genug für eine Zinserhöhung sei, meinte Liebscher "wir werden sehen". Der Chef der französischen Notenbank sagte, man solle aufhören zu glauben, dass eine Zinserhöhung notwendigerweise das Wachstum bremse. Ein möglicher Anstieg der Inflation sei die größte Gefahr für die Konjunkturerholung, und nicht etwa eine Zinserhöhung.

Für EZB-Direktoriumsmitglied Gertrude Tumpel-Gugerell gelten weiterhin die Erklärungen der letzten EZB-Ratssitzung, wie sie heute in Wien erklärte. EZB-Präsident Jean Claude Trichet hatte anlässlich der EZB-Sitzung am 3. November erklärt, dass derzeit das Zinsniveau noch angemessen sei.

Angesichts gestiegener Energiepreise hat Noyer die Notwendigkeit betont, die Inflationsrisiken und die Inflationserwartungen in der Euro-Zone niedrig zu halten. Er rechne nicht mit einem Rückgang der Inflationsrate in der Euro-Zone auf unter zwei Prozent, sagte Noyer der französischen Zeitung "Les Echos" (Montag-Ausgabe). Im Oktober habe die Jahresinflationsrate bei 2,5 Prozent verharrt.

Grasser: Zinsniveau adäquat

Finanzminister Karl-Heinz Grasser sieht dagegen das derzeitige Niveau der EZB-Leitzinsen mit 2 Prozent als "absolut" adäquat an. Das Zinsniveau passe gut zum Umfeld, sagte Grasser am Montag in Wien am Rande einer Pressekonferenz.

In seiner Analyse sehe er keine tatsächliche Inflationsgefahr, die die Europäische Zentralbank mit einer Zinserhöhung bekämpfen könnte. Wie überhaupt die EZB die ölpreisbedingten Preiseffekte nicht mit dem Zins-Instrument bekämpfen könne. Von der aktuellen Inflationsrate in Euroland von 2,5 Prozent (im Oktober) stamme ein Prozentpunkt von den Ölpreisen. Damit betrage die Kerninflation 1,5 Prozent. "Ich sehe das Zinsniveau damit unmittelbar als adäquat", sagte Grasser.

Äußerungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet waren zuletzt dahin gehend interpretiert worden, dass die Märkte auf eine mögliche Zinserhöhung vorbereitet werden sollten. "Ein Zinsschritt ist jederzeit möglich", sagte Trichet nach der letzten Ratssitzung der EZB mit Blick auf die Inflation. Allerdings sei der derzeitige Leitzins von 2,0 Prozent "noch angemessen". Deshalb habe die EZB beschlossen, den Leitzins für den gemeinsamen Währungsraum unverändert zu lassen, sagte Trichet am 3. November.

Am Geldmarkt wird inzwischen fest davon ausgegangen, dass der Leitzins von zwei Prozent schon im Dezember angehoben wird. Mit Spannung wird nun die Zinssitzung am 1. Dezember erwartet. (APA)

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