STANDARD-Interview: Leonardo da Vinci und der Laptop

14. November 2005, 13:43
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Ben Shneiderman, Professor für Computer-Sciences und Gründer des Human-Interaction-Labors an der Universität von Maryland, ist Usability-Forscher der ersten Stunde. Seine Botschaft: Nicht die Technik sollte den Menschen, sondern der Mensch die Technik bestimmen. Karin Pollack sprach mit ihm

STANDARD: Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit Computern und haben bereits 1980, als es den PC in seiner heutigen Form überhaupt noch nicht gab, ein Buch mit dem Titel "Software Psychology" geschrieben. Worum ging es damals?

Shneiderman: Der Titel des Buches war damals wirklich gewagt, doch dahinter stand die Idee, verschiedene Disziplinen miteinander zu vereinigen. Programmiert wurde ja schon damals, man arbeitete an Reservierungssystemen für Airlines, und für die Techniker waren Fragen der Kommunikation und Interaktion deshalb von zentraler Bedeutung.

STANDARD: Woran arbeiteten Sie in dieser Zeit?

Shneiderman: Mein Hauptaugenmerk galt von Anbeginn den Nutzern. Damals wie heute hat die Branche einen sehr technischen Zugang zu den Dingen, und mir geht es darum, den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen. Computer sollen Werkzeuge sein, die Kreativität fördern und Neues erschließen.

STANDARD: Das entspricht also der Forderung, die Sie in Ihrem Buch "Leonardo's Laptop" dann nur noch drastischer formuliert haben.

Shneiderman: Ja, es geht nicht darum, was Computer leisten, sondern darum, was Benutzer mit Computern machen können.

STANDARD: Sie glauben also, dass der PC Menschen kreativ macht?

Shneiderman: Computer müssen Werkzeuge für Kreativität sein, vergleichbar mit Bleistiften. Unser Ziel ist es, PCs eines Tages genauso einfach und bedienbar wie Schreibgeräte zu machen. Davon sind wir zwar noch weit entfernt, aber die Vorarbeit ist geleistet.

STANDARD: Gab es Meilensteine?

Shneiderman: Mit dem Graphical User Interface (GUI), also der Bedienung des Computers ohne Programmiercode, wurde der Grundstein gelegt, und es ist faszinierend, in welchem Ausmaß Programme heute schon visuell umgesetzt werden. Das Allerwichtigste ist, dass User so viel wie möglich auf einem Bildschirm sehen.

STANDARD: Trotzdem sind Computernutzer oft frustriert. Warum?

Shneiderman: Dazu haben wir eine Studie gemacht. Natürlich gibt es nicht nur einen einzigen Grund für Frustrationserlebnisse, doch lange Wartezeiten und Systemabstürze nervten die Testpersonen am meisten. Darüber hinaus wurden aber auch unverständliche Fehlermeldungen und unklare Menüstrukturen als sehr ärgerlich empfunden.

STANDARD: Damit leben wir alle mittlerweile aber schon lange . . .

Shneiderman: Ja, es wäre gut, wenn sich Computernutzer einmal zusammenschließen und ihrem Unmut gemeinsam freien Lauf lassen würden.

STANDARD: Würde das etwas ändern?

Shneiderman: Man sollte nicht unterschätzen, was User-Communities erreichen können.

STANDARD: Wie bringen Sie Leonardo da Vinci mit Usability-Fragen in Zusammenhang?

Shneiderman: Leonardo da Vincis Betrachtung der Welt ist für mich vorbildhaft. Er war ein Genie. Er kombinierte Kunst mit Wissenschaft und Ästhetik mit Technik, bezog aber auch moralische Werte in sein Denken ein. Ich habe mir also vorgestellt, wie Leonardo einen Laptop verwenden würde. Im Grunde geht es darum, eine universale Vision für den Nutzen von Computern zu entwickeln.

STANDARD: Wie kann das in Anbetracht der Vielfalt von Computernutzern, Geräten und Programmen gelingen?

Shneiderman: Wir schlagen dafür das so genannte Multi-Layer-Interface vor. Jeder soll seinen Voraussetzungen entsprechend in ein Programm einsteigen und entsprechend aufbereitete Inhalte vorfinden. Im Grunde genommen ist das doch fast überall so. Egal, ob man Geige lernt oder in Karate geht, auf die Vorkenntnisse kommt es an.

STANDARD: Haben Sie das schon ausprobiert?

Shneiderman: Gerade unlängst haben wir ein dreistufiges Malprogramm für Kinder entwickelt und für ein Spital in Norwegen ein E-Health-Informationssystem gestaltet. Außerdem arbeiten wir gerade an einer Software, die Wahlmaschinen in Amerika durch E-Voting ersetzen sollen. Diese Anwendung muss garantiert von jedem Bürger genutzt werden können, Usability ist hier eine Kernfrage.

STANDARD: Im Endeffekt ist aber doch alles am PC auch eine Sache der Übung?

Shneiderman: Nicht unbedingt - Softwaredesign muss Technologie nutzerfreundlich machen. Man gibt schließlich auch einem Kind keine Geige und sagt: "Spiel Mozart!"

STANDARD: Wie also lautet Ihr Rat an Softwaredesigner?

Shneiderman: Grundvoraussetzung sind stabile Systeme. Es geht aber auch darum, die User und ihre Erwartungen ans System genau zu studieren. In diesem Bereich leistet eine wissenschaftlich fundierte Basis hervorragende Dienste. Dann kommt der Mut zum Design. Inkonsistenz in Farbgebung, Layout oder Menüstrukturen sind die größten Usability-Sünden.

STANDARD: Sind lange Ladezeiten denn nicht auch eine Frage der Internetanbindung?

Shneiderman: Nicht zwingend. Breitband ist wundervoll, aber noch lange nicht für alle Menschen Standard. Deshalb muss es Versionen für unterschiedliche Zugänge geben. Auf der Kinderbuchbibliothek unter www.icdlbooks.org ist uns das gut gelungen. Das Projekt ist ein Musterbeispiel für das Selbstverständnis unseres Instituts: Wir forschen, arbeiten an praktischen Projekten und fördern den interkulturellen Austausch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 11. 2005)

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