Ritter, Hexen und andere Zeitbilder

14. November 2005, 13:14
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Das Mittelalter boomt. Nicht nur im Kino - sogar entsprechende Kleidungsshops gibt es. Historiker Walter Pohl erklärt die Hintergründe des Trends

Diese Düsterheit löst wohligen Schauer aus: Harry Potter und andere Zauberer in Hogwarts schlagen ihre Bücher mit Zaubersprüchen, Flüchen und Wünschen auf - Bücher, wie sie im Mittelalter populär waren. Und im vergangenen Frühjahr entführte Ridley Scott mit dem zweieinhalb Stunden langen Ritterepos Königreich der Himmel Kinofreunde ins Mittelalter und die Zeit der Kreuzzüge, wie Hollywood sie sich vorstellt.

Ob Kino, PC-Spiele oder Feste, ob Ausstellungen wie im Wien Museum (Um die Wurst. Vom Essen und Trinken im Mittelalter), ob eigene Kleidungsshops oder Hochzeiten, die im entsprechenden Look angeboten werden: Das Mittelalter boomt - und das schon längere Zeit. Medien widmen sich dem Trend und schreiben nicht selten von einer "dunklen Zeit" und dass das Interesse an der Epoche gerade deswegen so groß ist.

Sehr vereinfacht

Wenn Walter Pohl das hört, schüttelt er nur den Kopf. "Das ist schon sehr vereinfacht", sagt der Leiter des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Wenn man an Nazizeit, Weltkriege und Atombombe denkt, müsste, wenn überhaupt, eigentlich das 20. Jahrhundert als dunkel bezeichnet werden."

Viele dem Mittelalter zugeschriebene Gräueltaten hätten in dieser Zeit gar nicht stattgefunden. "Die Hexenverbrennungen etwa. Das geschah in der Neuzeit." Es sei auch grundsätzlich falsch, gegenwärtige Menschenrechtsverletzungen als "mittelalterliche Methoden" zu bezeichnen.

Sicher habe das Mittelalter dunkle Seiten gehabt. Beispiel? Die Christianisierung, "ein von der Idee her ehrgeiziges soziales Experiment, das aufgrund seiner gewaltsamen Umsetzung" als Schreckenszeit in die Geschichte eingegangen sei.

Pohl: "Jede Zeit hat ihre dunklen Seiten." Was also könnte den Mittelalter-Boom ausgelöst haben? "Die Epoche erscheint uns einerseits fremd und exotisch, andererseits seltsam vertraut. Das Mittelalter ist unsere eigene Vorgeschichte, wie man an vielen historischen Bauten sieht."

Die eigene Geschichte verstehen lernen: Walter Pohl hat deswegen mit dem Geld, das er für den Wittgenstein-Preis 2004 erhalten hat, ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Ethnische Identitäten im Frühmittelalter" begonnen. Bis 2009 will er mit seinem Team Antworten auf mehrere Fragen finden: Wie sind Völker in Europa entstanden und wieso sind ethnische Identitäten meist mit Staatsgrenzen gleichzusetzen? Was bedeutet es - historisch betrachtet -, einem Volk anzugehören? Ist es zum Beispiel wichtiger, Österreicher zu sein, als etwa Wiener oder Europäer? Weshalb betrachtet sich jemand als Deutscher oder als Bayer und wie ist es dazu gekommen? Wie entstehen Konflikte zwischen Völkern?

Geplant sind mehrere Fallstudien: Am Beispiel der Langobarden, die 568 nach Italien zogen, will Pohl die Geschichte von Wanderungen, Identitätsbildung und Integration im spätantiken Italien darstellen. Die Geschichte der Vandalen, ein 2002 begonnenes Projekt mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds, soll fortgeführt werden.

Großes Projekt

Daneben sind ein "Lexikon der frühen Völker" und ein Überblickswerk über "Die Reiche der Völkerwanderungszeit" geplant. Ein zentrales Vorhaben aber ist die Monografie "Ethnic Identities in the First Millennium". Hier soll beschrieben werden, wie im Frühmittelalter Völker entstanden, die sich später zu modernen Staaten entwickelten.

"Wenn wir verstehen wollen, wie Europa entstanden ist, müssen wir das Mittelalter genauer anschauen", unterstreicht Pohl die Gründe seines Forschungsprojekts. In den Medien freilich wird das klischeehafte Bild von der düsteren, dunklen Epoche auch danach weiter bestehen. Darüber macht sich der Historiker keinerlei Illusionen. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 11. 2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mittelalterliche Bilder in Ausstellungen: Im Wien Museum läuft noch bis Jänner 2006 "Um die Wurst. Vom Essen und Trinken im Mittealter"

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