Schnelles Geld für flüssigen Betrieb

7. Juni 2006, 14:18
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Factorbanken loben Verkauf von Forde­rungen als Alternative zum Kredit - Basel II und Fall des Zessions­verbotes verhelfen Finanzierungsform zu Aufschwung

Wien - Jüngstes prominentes Beispiel ist die Bawag P.S.K. Die Gewerkschaftsbank verkaufte die 75 Millionen Euro, die dem US-Rohstoffbroker Refco als Kredit gewährt wurden, nach dessem Konkursantrag um 80 Prozent weiter. Weniger spektakuläre Beispiele sind etwa die Gmundner Keramik-Manufaktur oder der Trachtenbekleidungshandel Sportalm. Sie und andere geben ihre offenen Forderungen aus Warenlieferungen und Dienstleistungen an eine Factor-Gesellschaft weiter, um etwa in den Genuss einer "schnellen und unbürokratische Finanzierung" zu kommen. Factoring hat von seiner bis dato nicht ganz wegzuleugnenden Anrüchigkeit verloren, sagt Theo Hibler, Vorstandsvorsitzender des heimischen Factoring-Marktführers Intermarket Bank AG.

Kein langes Warten auf das Geld

Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand. Der Kunde einer Factoringgesellschaft leitet sofort nach Rechnungslegung an seinen eigenen Kunden die Rechnung an den Factor weiter. Die Zahlung der Außenstände hat also an die Factor-Gesellschaft zu erfolgen. Die gewährt ihrem Kunden ihrerseits sofort eine Anzahlung zwischen 70 und 80 Prozent als Vorschuss. In Zeiten, wo die oft wünschenswerte Zahlungsmoral von Kunden so manchem Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet, oder Zahlungsziele zwischen einem und drei Moate zu gewähren sind, ein nicht unwesentlicher Vorteil. "Kommt am Vormittag die Rechnung – heutzutage überwiegend per Mail – könnte am Nachmittag das Geld bereits am Kundenkonto eingelangt sein", macht Hibler die Dienstleistung schmackhaft. Wurde der Rest der Außenstände an die Factoring-Bank beglichen, wird der offen gebliebene Betrag an den Kunden ausbezahlt. Abzüglich der Zinsen, im banküblichen Bereich zwischen 4,5 Prozent und 5,5 Prozent - für die bevorschusste Summe und eine Factoring-Gebühr, die zwischen 0,10 und 2 Prozent liegt.

Flüssig bleiben ist schwierig

Besonders für kleinere und mittlere Unternehmen ist es schwierig, "flüssig" zu bleiben. Gerade für sie würden deshalb Alternativen zur klassischen Bankenfinanzierung immer wichtiger. "Die offenen Kundenforderungen sind bei vielen Unternehmen ein erheblicher Teil der Bilanzsumme. In der Praxis ist daher trotz guter Auftragslage und gutem Geschäftsgang die Liquidität angespannt, Skontoerträge gehen verloren", fallen Volksbanken-Factoring-Vorstand Herbert Auer weitere Argumente ein.

Die Höhe des geforderten Mindestumsatzes schwankt zwischen den einzelnen Factor-Gesellschaften. Unter 700.000 Euro Jahresumsatz sei die Sache relativ aufwändig, benennt Hibler den Rahmen bei Intermarket. Manche sehen den sinnvollen Einstieg aber schon bei rund 300.000 Euro Jahresumsatz. Nicht akzeptiert werden von den Factorbanken Firmen aus der Baubranche, aus dem Anlagen- und Maschinenbau und aus dem Transportgewerbe, weil in diesen Branchen Zwischenabrechnungen und Gegengeschäfte die Regel sind, die den Factorbanken wenig dienlich sind.

Der Markt in Österreich ist unterbelichtet

"Was den Factoring-Markt betrifft, so sei selbiger deutlich im Wachstum begriffen", ortet Hibler einen deutlichen Aufwärtstrend. Während das Volumen zwischen den Jahren 1999 und 2002 nur von 2 auf 2,3 Milliarden Euro gestiegen ist, wurde im Jahr 2003 eine Steigerung auf 2,9 Milliarden (+ 22 Prozent) und 2004 auf 3,7 Milliarden (+ 26 Prozent) verzeichnet. Im Europa-Vergleich ist Factoring in Österreich dennoch sehr unterbelichtet, schränkt Hans Michael Wolf, Vorstandssprecher des zweitgrößten heimischen Anbieters, der Factor Bank, ein: "In Italien lag der Factoring-Anteil am BIP 2003 bei 10,5, in Großbritannien bei 9,7 Prozent. In Deutschland sind es 1,7, bei uns erst 1,3 Prozent."

Für Aufschwung soll vor allem der Fall des Zessionsverbotes seit Juni 2005 - die österreichische Besonderheit bedeutete, dass Großunternehmen (meist aus dem Handel) ihre Lieferanten mit einem Zessionsverbot belegen konnten – sorgen. Auf Grund einer Novellierung des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches gelten derartige Verbote mittlerweile nur noch dann, wenn sie im Einzelnen ausgehandelt wurden und den Gläubiger nicht groß benachteiligen. Dass die Forderungen aus einem Liefergeschäft oder einer Dienstleistung nicht an Dritte abgetreten werden konnten, war hierzulande seit Anfang der 90er Jahre gültig. In Deutschland stieg nach dem Fall des Zessionsverbotes das Factoringvolumen um rund 30 Prozent an.

Basel II könnte für Aufschwung sorgen

Basel II könnte Factoring ebenfalls zu weiterem Aufschwung verhelfen, sind die Factorbanken sicher, könnten doch verkaufte Forderungen aus der Bilanz genommen werden. Das erhöht die Eigenkapitalquote. Zudem habe Basel II die Finanzierung für Klein- und Mittelbetriebe komplizierter gemacht, so Herbert Auer. Die Factoring-Spezialbank aus dem Konzern der Österreichischen Volksbank AG ist nach Intermarket und der Factor Bank drittgrößter Anbieter am heimischen Markt. Für den Unternehmer komme es daher entscheidend darauf an, zum einen Alternativen zur Bankfinanzierung und zum anderen Möglichkeiten zur Sicherung der Liquidität zu finden.

Factoring
Darunter versteht man den Kauf von Geldforderungen aus Warenlieferungen und Dienstleistungs­geschäften durch eine Factoringgesellschaft, den sogenannten Factor. Darüber hinaus werden beim klassischen Factoring Forderungsausfälle abgesichert und vom Factor die Debitorenbuchhaltung inkl. Mahnwesen und Inkassofunktionen übernommen. Die Factoring-Gesellschaften überprüfen den Jahresumsatz ihrer Kunden, die Bonität, die Debitorenstruktur. Anzahl und durchschnittliche Höhe der Rechnungen, Höhe der Außenstände, Zahlungsausfälle, Gutschriften.

Kosten
Die FactorBank verrechnet bei reinem Finanzierungsfactoring (die Debitorenbuchhaltung verbleibt beim Kunden) zwischen 0,05 und 0,1 Prozent des Bruttoumsatzes, mit Auslagerung der Debitorenbuchhaltung zwischen 0,1 und 1 Prozent Gebühr. Bei der VB-Factoring-Bank liegen die Kosten für Finanzfacotoring zwischen 0,25 und 0,2 Prozent des Bruttoumsatzes (im Einzelfall bei Großkunden auch bei 0,1 Prozent, so Vorstand Auer) mit Auslagerung der Buchhaltung zwischen 0,4 und 1,5 Prozent (für Kleinstkunden). Die Intermarket Bank verrechnet im Schnitt 0,5 Prozent des Bruttoumsatzes.

Wer kann profitieren
Betriebe mit stark schwankenden Umsätzen; Betriebe mit "schwierigem" Forderungsmaterial, das nicht gerne von Banken zur Bedeckung genommen wird; KMU mit Umsätzen bis zu 5 Millionen Euro, weil besonders für sie die späte Zahlung von Forderungen existenzbedrohend sein kann (Regina Bruckner)

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    Der Kunde einer Factoringgesellschaft leitet sofort nach Rechnungslegung an seinen eigenen Kunden die Rechnung an den Factor weiter.

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