Der Jugend Chancen garantieren

13. Februar 2007, 14:02
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Lehren aus den französischen Krawallen - Eine Fremde Feder von Caspar Einem

Dass die EU-Kommission beschlossen hat, Frankreich 50 Mio Euro zur Verfügung zu stellen ist rührend, zeigt Bereitschaft zur Solidarität, hilft aber nichts. Das Problem sind nicht die Schäden an den Vermögenswerten, jedenfalls nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist, dass Frankreich seit vielen Jahren die Entstehung großer Ghettos für Hoffnungslose, vielfach sind es Einwandererfamilien, zum Teil allerdings auch bloß französische Arbeiter oder Pensionisten, nicht bloß zugelassen, sondern aktiv gefördert hat.

Die politische Ebene wollte sich mit diesem Problem nicht befassen und hoffte, es in die Ghettos abschieben und vergessen zu können. Die haben sich aber nun lautstark zurück gemeldet. Und was sich da zeigt ist zwar primär ein soziales Problem, aber eines das auf einer weit verbreiteten Einstellung der Bevölkerung und der Politik beruht und das deshalb besonders schwer und nur bei lang anhaltender Bemühung lösbar ist. Denn natürlich ist es nicht möglich – und schon gar nicht unter den heute gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa und der Verweigerung der Politik, aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben – von heute auf morgen all den Hoffnungslosen Arbeit, Einkommen, eine Perspektive zu geben.

Das wäre auch unter günstigeren Rahmenbedingungen nicht möglich, zumal viele derer, um die es da geht, seit Jahren oder nach Abschluss bzw. Abbruch der Schule überhaupt noch nie eine wirkliche bezahlte Arbeit gehabt haben. Und die Zusammenballung von diesen Problemen in der Banlieu von Paris oder in den Vorstädten anderer französischer Städte macht es noch schwieriger. Denn mit der Integration beginnen muss man einzeln, Person für Person. In einem Umfeld, das allerdings noch auf Jahre von Hoffnungslosigkeit geprägt sein wird, weil es nicht schnell genug geht, einen Umschwung herbei zu führen, indem zumindest eine deutliche Minderheit wieder integriert ist, über Einkommen, soziale Sicherheit, Motivation verfügt, ist diese Arbeit mit den Einzelnen ungeheuer schwierig und von zahllosen Rückschlägen bedroht.

Die Moral von der Geschicht? Man darf es nicht so weit kommen lassen. Ist das Kind erst einmal im Brunnen, ist es unendlich schwer, es wieder heraus zu holen. Es geht darum, für ein Mindestmaß an Durchmischung der Bevölkerung in den Städten zu sorgen – das war eine der großen Leistungen des roten Wien in der 1. Republik. Es geht darum, Arbeitslosigkeit sich nicht verfestigen zu lassen, früh und wirksam gegen zu steuern. Und entscheidend: vor allem die Jugendlichen müssen nach der Schule Arbeit oder weitere Ausbildungschancen haben. Jugendarbeitslosigkeit ist ein Verbrechen – nicht nur an den Jugendlichen, an der Gesellschaft. Und von diesem Verbrechen erholt sich eine Gesellschaft nur langsam. Denn das Vertrauen der vollständig enttäuschten Jugendlichen für unsere Art der Gesellschaft ist nicht leicht wieder zu gewinnen. Da ist gewaltsame Triebabfuhr schon wesentlich reizvoller.

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