Die Sache mit dem Plopp

21. Juni 2007, 13:55
204 Postings

Mehr als die Hälfte aller Flaschen werden mit anderem als Kork zugestöpselt

Das vertraute „Plopp“ ist immer seltener zu hören. Immer mehr Weinflaschen hierzulande „knartzen“ oder klicken beim Öffnen, weil sie entweder mit einem Kunststoffpfropfen, Drehverschluss oder auch Glasverschluss verschlossen sind. Was ein subjektiver Eindruck von Seiten der Konsumenten sein mag, wird von Christian Schiesser von der Firma Kork-Schiesser bestätigt. Das Wiener Familienunternehmen ist seit den 60-er Jahren Generalimporteur des weltweit größten Korkproduzenten Amorim aus Portugal, handelt aber auch mit Kunststoffpfropfen und Drehverschlüsse: „Die Österreichische Weinbranche ist technologisch sehr fortschrittlich. Ich kenne kein Land, in dem der Markt für Alternativverschlüsse derart groß ist.“ Der Anteil von Alternativverschlüssen am Markt betrage mehr als 50 Prozent. Am häufigsten greift man dabei zu Kunststoff. Drehverschlüsse haben einen Anteil von etwa fünf Prozent, Tendenz steigend, und „Glas steckt noch in den Kinderschuhen“.

Kunststoff- oder Silikonkorken werden, wie auch die Jungweinpräsentation 2005 vergangene Woche im MAK wieder einmal bestätigt hat, vor allem bei jung zu trinken Weißweinen eingesetzt. Drehverschlüsse, technisch am weitesten ausgereift, da er seit den 70-er Jahren verwendet wird und man vor allem bei Weißweinen auf lange Erfahrung zurückgreifen kann, findet man hierzulande vor allem bei Basis- und Mittelsegment-Weinen, ebenso wie Glasverschlüsse. Der Vino-Lok-Glasverschluss wurde von der deutschen Firma Alcoa entwickelt und 2003 im Großversuch gestartet, seit 2004 produziert man in Serie. Im Hochqualitätsbereich und vor allem bei Rotweinen greifen Winzer immer noch am liebsten zum Naturkork. Kronkorken werden hierzulande vor allem für einfachste Weinqualitäten wie Tafel- oder Landweine verwendet.

Leidensdruck und Haftung

2005 war definitiv das Jahr in dem viele Winzer von Kork auf Verschlussalternativen umstiegen. Der „Leidensdruck“, sprich der finanziellen und Image-mäßige Schaden verursacht durch fehlerhafte Weine, wurde zu groß, so die Aussagen von „Umsteigern“ wie Willi Sattler aus Gamlitz oder Josef Umathum aus Frauenkirchen, die seit dem Jahrgang 2004 zumindest für einen Teil ihrer Produktion Glasverschlüsse verwenden. Vorreiter dieses Trends zu Verschlussalternativen war Hannes Hirsch aus Kammern, der bereits seit dem Jahrgang 2002 alle seine Weine auf Schraubverschluss umgestellt hat.

Haftbar für den Schaden an Wein und Kork sei der Lieferant „also wir – theoretisch!“ so Schiesser, dessen Firma ein umfassendes Qualitätssicherungssystem etabliert hat. „Aber 100 Prozent fehlerfrei wird es nicht geben.“ In der Praxis versuchen wir uns mit dem Winzer zu einigen, was in den meisten Fällen auch gelinge. Für große Fälle gebe es eine Rückversicherung, wo Schäden abgedeckt werden. Ob der Fehler dabei vom Kork oder aus anderen Quellen komme, werde durch einen Sachverständigen festgestellt.

Akzeptanzprobleme

Knackpunkt bei allen Neo-Verschlüssen ist die Akzeptanz durch die Kunden, die sehr an Traditionellem festhalten. Unter den Alternativen sind vor allem der Drehverschluss (und der hierzulande im Qualitätsweinbereich nicht zu findende Kronkorken) unter „richtigen“ Weinfans heftig umstritten. Das Argument dagegen: Er wirke „billig“.

Wenn schon Alternativen, dann wird Glas wegen seines Aussehens, des Materials und seiner haptischen Qualitäten am meisten akzeptierte, hört man aus der Gastronomie. „Die Leute greifen ihn gerne an, spielen damit und nehmen ihn auch mit nach Hause.“ Nachteil bei Glasverschluss, die fehlende Langzeiterfahrung. Was auch Fritz Miesbauer, Geschäftsführer des Weinguts Stadt Krems, einräumt, der 2003 als einer der ersten hierzulande mit Glasverschluss begonnen hat und „eine große Freude“ damit habe. „Im Jahrgang 2005 werden 150.000 bis 180.000 Flaschen (bei einem Gesamtoutput von 250.000 Anm.), vor allem Veltliner und Rieslinge im mittleren und einfachen Bereich, die kräftigen Lagenweine nicht, weil wir die Langzeitentwicklungen erst austesten“, so Miesbauer.

In Österreichs Gastronomie wurde der Drehverschluss weitgehend akzeptiert, Vor allem für den Schankbereich, wo Weine glasweise ausgeschenkt werden. Bei „Meinl am Graben“ in Wien wurden alle Weine für den Ausschank per Glas konsequent auf Drehverschlüsse umgestellt. „Angenehm zu handhaben, die Weinqualität passt und wir haben keine Reklamationen“, erklärt Hermann Botolen, Restaurantleiter im Top-Restaurant. „Bei den Weinen, die am Tisch getrunken werden, ist es schwieriger, wird aber langsam immer mehr akzeptiert. Man muss es halt erklären.“ Weinbaupräsident Josef Pleil jedenfalls glaubt, dass sich Schraubverschlüsse bei Wein vor allem im Mittelpreissegment durchsetzen werden. Für Hochpreisiges werde es wahrscheinlich der Kork sein, womit aber auch der Druck von der Korkindustrie genommen wird.

Kork – quo vadis?

Der Trend zu Alternativverschlüssen ist nicht nur Österreich-spezifisch, sondern in fast allen Weinbau treibenden Ländern zu spüren, allerdings unterschiedlich stark. Während man auf der iberischen Halbinsel beispielsweise so gut wie keine Korkprobleme hat respektive eingesteht, wird am Australian Wine Research Institute (AWRI), auch mit Hilfe der Industrie, intensiv zum Thema Verschlüsse generell geforscht. Die Korkindustrie in Portugal, der vorgeworfen wurde, den Zyklus der Bäume nicht zu beachten und die Hygiene bei der Produktion zu vernachlässigen, hat auf die weltweite Entwicklung mit neuen Ansätzen zur Verbesserung der inkriminierten Qualiäten und intensive Forschung rund um Trichloranisol (TCA) reagiert. TCA ist jener Stoff, der unter bestimmten Umständen Korkgeschmack im Wein verursachen kann. Vor allem die großen Produzenten wie eben Amorim, verfolgen diese neuen Ansätze, erklärt Christian Schiesser, beginnend bei der Biologie der Bäume, saubere Korkeichenwälder, über hygienische Lagerung und Verfahren und bis zu Verfahren zur Bekämpfung von TCA. Aber natürlich würde dies einige Zeit in Anspruch nehmen angesichts des Lebenszyklus einer Korkeiche – sie beginnt erst nach 45 Jahren profitabel zu werden und kann nur in einem Rhythmus von neun Jahren geschält werden – und der Struktur der Korkindustrie: wenige große (finanzstarke) Unternehmen, die natürlich leicht in Technologie und Ausstattung (Nirosta etc.) investieren könnten, so Schiesser, und viele Kleine.

„Mit allen diesen Ansätzen hoffen wir, in Zukunft Erfolg zu haben, aber die Zeit bisher war zu kurz“, erklärt Alzira Quintanilha, Generaldirektorin des portugiesischen Korkforschungsinstitutes CTCOR bei einem Besuch in Wien. Nicht jeder vermeintliche und echte Weinfehler sei auf Kork zurückzuführen, verteidigt Quintanilha den Rohstoff. Und nicht nur TCA sei verantwortlich zu machen, sondern ein Zusammenspiel von verschiedenen Komponenten, und das werde eben erforscht. Das Institut wird vom Verband der Korkproduzenten finanziert und befasst sich unter anderem intensiv mit der Entwicklung neuer Technologien gegen TCA. Im Mai 2005 stellte sie in London ein weiteres neues Verfahren, Symbios, zur Eindämmung von TCA vor, ein Stoff, der offenbar nicht sehr leicht greifbar ist.

Jedenfalls könnte man damit insgesamt wieder einen Schritt von der derzeitigen Verschlussdiskussion wegkommen, denn wie der Winzer Hannes Hirsch festgestellt: „Ich möchte endlich wieder über meine Weine sprechen und nicht darüber, wie ich die Flasche verschließe.“

Von Luzia Schrampf
  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
Share if you care.