"Der ORF wird nicht mehr alles kriegen"

18. November 2005, 16:32
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Werner Kuhn, streitbarer Rapid-Manager, über TV-Vertrag, Marketing, EM und Defizite

Wien - "Die Bilder sind gut, die Diskussionen sind gut, als Partner ist Premiere ein Fortschritt. Aber der Sender hätte die Liga über seine Preissteigerung informieren sollen." Werner Kuhn managt seit fast zehn Jahren die Rapid, am Wochenende besichtigte er nun zur Vorbereitung des Champions-League-Spiels bei Bayern München die Allianz-Arena und zerbrach sich im Kickerparadies den Kopf über eigene Probleme.

Der TV-Rechtevertrag mit ATVplus und Premiere Sport läuft bis in den Sommer 2007. Und dann? Kuhn: "Positiv ist, dass sich der ORF in der Champions League bei Rapid mehr angestrengt hat als früher. Die Qualität für den Konsumenten ist gestiegen." Ohne dass Rapid unter Sponsorenschwund litt. Kuhn: "Die normale Fluktuation hat stattgefunden. Wir haben mehr Zuschauer, mehr Abos, das Merchandising ist um 40 Prozent gestiegen. Den Sponsorvertrag mit Wien Energie haben wir sogar aufgebessert." Alles Idylle? Kuhn hätte gerne besser aufbereitete Nachberichte in ATVplus: "Das ist für den Free-TV-Markt ein Alibi." Keine Kritik an den Kommentatoren. Aber eine Chance für den ORF, sich neu zu platzieren. Eine Einigung zwischen dem Bezahlsender ORF und dem Abosender Premiere vor dem nächsten Vertrag sei unwahrscheinlich, sagt Kuhn, der in der Schlussphase der TV-Verhandlungen mit Vizepräsident Martin Pucher und anderen Ligavereins-Managern die Sache dem Ex-Liga-Vorstand Peter Westenthaler aus den Händen nahm.

Wie in England, wo Sky die Live-Rechte sich künftig wahrscheinlich mit anderen wird teilen müssen, sollte das nächste Rechtepaket nach Kuhns Vorstellungen gesplittet werden. "Der ORF sollte sich überlegen, nicht mehr alles um viel Geld zu wollen, sondern wichtige Rechte um weniger Geld. Der Fußball braucht analytische Nachberichte, Trainings- und Taktik-Informationen." Die Liga insgesamt müsste nach den Irritationen von 2004 im Marketing wieder Tritt fassen. Die UMTS-Rechte (Videos aufs Handy) seien wegen schwieriger Vertragsauflösung mit dem früheren Rechteinhaber ISPR billig weggegangen.

Warum hat Rapid den profitablen (3,8 Millionen Euro in fünf Jahren) und beliebten Hallencup gekillt? Kuhn: "Die Wiener Veranstaltung hat die anderen quersubventioniert. Außerdem war es terminlich mit dem Trainingslager des Teams und der Vorbereitung nicht zu koordinieren."

Organisator Heinz Palme habe hervorragende Arbeit geleistet, "aber die Umsetzung in der Liga war nicht gut." Die Austria trat mit einer Jugendmannschaft an. Kuhn: "Wir sind wie ausgemacht mit der Ersten gekommen."

Ligasponsor T-Mobile erreichte aufgrund angeblicher Werbewertverluste eine Neuverhandlung des Sponsorvertrages, die Präsident Frank Stronach namens und zu Lasten der Liga selber durchführte. Dazu will Kuhn keinen Kommentar abgeben. "Schauen wir nach vorne, T-Mobile ist ein guter Ligasponsor."

Die Vorbereitung auf die EM 2008 erfordere sowieso alle Kraft. Kuhn: "Wir brauchen mehr Bewegungsunterricht in der Schule, mehr Fußballakademien, mehr Geld für Aus-und Weiterbildung der Trainer." Rapid selbst hat einen Projektplan mit zwei zusätzlichen Trainingsfeldern und einer Halle, um die katastrophale Infrastruktur rund ums Hanappi-Stadion zu verbessern. "Derzeit bauen wir eine Kraftkammer. Da wir kein EM-Stadion sind, tun wir uns schwerer als Salzburg oder Klagenfurt oder Innsbruck." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 14. November 2005, Johann Skocek)

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