ManU's Children of the Revolution

2. Dezember 2005, 16:19
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Das echte Manchester United heißt FC United und kickt im tiefsten Keller - Dort sind gar nicht wenige Ex-Fans von ManU zu Hause

Manchester - Die Kinder der Revolution feiern bei bitterem Bier und Essigchips. "Wer gibt den Entrechteten eine Mission?", brüllen 200 angeheiterte Engländer im "Swan & Cemetery"-Pub und recken ihre Arme synchron in Richtung eines Mannes, der an einer Flasche Beck's-Bier Halt sucht. "Nur Andy Walsh schafft das!" Der genießt mit einem schüchternen Lächeln.

Andy Walsh (43), ehemals Journalist, ist inzwischen hauptberuflich Seelenretter des Fußballs in Manchester. Er ist angetreten, einen übermächtigen Dämon zu bekämpfen. Walsh ist Chef des FC United of Manchester, einem Auswuchs der Protestbewegung gegen die Verwandlung des großen Vereins aus der Nachbarschaft in ein Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren. Jetzt will er es den Managern von Manchester United heimzahlen. "Ohne Fans gibt es keinen Fußball. Das werden die da oben noch begreifen", sagt Walsh in den Katakomben des alten Wellblechstadions von Bury an der Gigg Lane, der provisorischen Heimstatt seines neuen Vereins, 16 Kilometer nördlich von Manchester.

Es ist gerade eine halbe Stunde her, da hat sich Walshs Truppe in der untersten englischen Liga für die Genesung der gebrochenen ManU-Herzen die Seele aus dem Leib gerannt. Fast 4000 Fans haben 90 Minuten ohne Unterlass Sprechchöre angestimmt. Sie haben Sir Alex Ferguson, den Trainer von ManU, verspottet und den FC besungen, als ginge es um den Europacup. Zu Auswärtsspielen bringt der FC United mehr Zuschauer mit als mancher Premier-League-Klub. Tagesgegner Daisy Hill wird nebenbei mit 6:0 vom Platz geschossen. Trotzdem war es der große Auftritt für die Daisys. Normalerweise verlieren sich bei Spielen der zweiten Division der so genannten North West Counties Football League, die der FC United nach zwölf Spielen anführt, um die 70 Zuschauer.

Phönix aus der Asche

Die Geschichte des FC United of Manchester könnte von Charles Dickens sein. Der Ausbeuter der Working Class heißt hier Malcolm Glazer. Am 12. Mai dieses Jahres übernimmt der US-Investor ManU für 1,2 Milliarden Euro und setzt seine Söhne Bryan, Avi und Joel in den Vorstand. Der Deal läuft großteils über Kredite. Seine Schulden, 800 Millionen Euro, überschreibt Glazer dem Klub. Am Abend versammeln sich hunderte Fans vor Old Trafford, der ehrwürdigen Fußball-Arena im Westen der Stadt. Die Ruhe ist gespenstisch. "Es war, als hätten wir jemanden zu Grabe getragen", sagt Walsh.

Die Wiederauferstehung erfolgt noch am selben Abend. Im "Rush Home", einem Pub in Südmanchester, trifft sich ein Dutzend frustrierter Fans und beschließt, den eigenen Klub zu gründen. Die erste Satzung wird auf Schmierzetteln notiert. Ein basisdemokratischer Verein muss her, die Finanzen transparent, jedes Mitglied mit eigener Stimme, das Team ein Produkt von Volkes Willen. Zehn Tage später versammeln sich 700 Unterstützer zum ersten Meeting, zwei Wochen darauf sind es bereits 2000, die den FC United of Manchester begründen. Anfang Juli hat der Klub schon 100.000 Pfund von 4000 Spendern. Im neuen Fanzine Under The Boardwalk begründen Autoren wie "Lenin" die Wichtigkeit eines anständigen Aufstands und rechtfertigen mit Zeilen des großen Lord Byron den im Fußball notwendigen Hass. Unterdessen bekunden Fußballfans aus der ganzen Welt ihre Solidarität.

Für die Rekrutierung des Teams setzt Walsh eine Anzeige in den lokalen Zeitungen. 900 Spieler aus aller Welt bewerben sich. Nach einem Casting unter der Leitung von Trainer Karl Marginson bleiben von 228 eingeladenen Spielern 18 übrig. Drei sind Halbprofis mit einem Gehalt von 70 Pfund pro Match.

Eine, die den Jungs an der Gigg Lane von der ersten Stunde an zujubelt, ist Maureen Pelham. Als Kleinaktionärin von Manchester United hatte die 57-Jährige einen unbeantworteten Protestbrief gegen Glazers Plan an die britische Wettbewerbsbehörde geschickt. Jetzt verkauft die Lady im beigen Wildledermantel im Stadion von Bury ehrenamtlich Programmhefte zu zwei Pfund. "Das hier ist eine unglaublich positive Veranstaltung", sagt Pelham. "Der FC hat all das wiedergebracht, was wir in den alten Tagen bei United erlebt haben." Sie muss es wissen. 1957, als Neunjährige, war Maureen mit dem Vater zum ersten Mal bei ManU. Seitdem hat sie kein wichtiges Match verpasst. Auch nicht den Meistercup-Triumph 1968 und das legendäre 2:1 gegen Bayern München im Finale der Champions League 1999 in Barcelona. Noch immer hält sie eine Dauerkarte in Old Trafford. Bezahlen muss sie dafür inzwischen 608 Pfund. Trotzdem geht sie immer noch hin, denn "ich liebe das Team und hasse den Klub. Es ist eine Schande. Ein Amerikaner, der unsere Tradition weder kennt noch schätzt, kommt und beutet unseren Verein aus."

Für die Chefetage der Manchester United Aktiengesellschaft ist der Protestklub ein Zwergenaufstand, den Medien künstlich aufgeblasen haben. Die Spiele seien wie gewohnt ausverkauft, die Stimmung im Stadion könne besser nicht sein. "Ein Klub, der an die Börse geht, muss damit leben, dass sein Besitzer wechseln kann. Da gibt es immer wen, der enttäuscht ist", sagt eine Pressesprecherin - und wünscht dem FC United viel Glück für die Zukunft.

Andy Walsh ist vom Siegeszug seines FC United überzeugt. Während seine Spieler im "Swan & Cemetery" zusammen mit den Fans "Children of the Revolution" grölen, fabuliert er vom Aufstieg und einem eigenen Stadion. Nach Bury sollen die Fans nicht mehr fahren müssen. "Wir werden da spielen, wo das Herz von ManU schlägt - ganz in der Nähe von Old Trafford." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 14. November 2005, Tim Farin, Christian Parth*)

*Tim Farin und Christian Parth bilden das Kernteam des Büros für Stilsicherheit, einer Kölner Journalistenagentur mit Netzwerk in ganz Deutschland.

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    Der Protest der Fans von ManU tut ...

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    ...der blendenden Stimmung der neuen Herren keinen Abbruch. Die Brüder Bryan (vorne), Avi (Mitte) und Joel Glazer sonnen sich im Glanz der Erwerbung von Papa Malcom Glazer.

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