Funktionaler Analphabet als Starcoach

16. Dezember 2005, 21:18
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Eishockey-Trainer Demers hat sich geoutet

Montreal - Jacques Demers ist Lebenskünstler. Der 61-jährige Kanadier ist in Eishockey-Kreisen als konsequenter und erfolgreicher Trainer bekannt. In seinen 13 Jahren als Head-Coach verschiedenster NHL-Teams holte er neben zwei Auszeichnungen für den besten Trainer der Saison mit den Montreal Canadiens auch den Stanley Cup.

Das allein ist schon bemerkenswert. Umso größer ist nun die Überraschung über Demers' Geheimnis, das er in seinem vor kurzem veröffentlichten Buch "En toutes lettres" (in etwa "Von A bis Z") verriet: Der leidenschaftliche Trainer ist funktionaler Analphabet - er kann weder lesen noch schreiben.

Die Probleme haben ihren Ursprung in der Kindheit des willensstarken Mannes: Sein Vater war Alkoholiker und schlug seine Frau. Der Sohn musste tatenlos zusehen, was unter anderem seine Lese-und Schreibfähigkeit blockierte. "Ich war ängstlich und wütend", sagt er heute. "Und ich konnte einfach nicht lernen." Sein Leben lang half sich Demers mit Tricks über die Runden. Oft etwa hatte er seine Brille nicht bei sich. Und er suchte sich im Wissen um sein Problem ganz bewusst für jedes seiner Teams verlässliche Hinterleute, die die Schreibarbeit für ihn erledigen oder seine Post lesen sollten. Demers: "Ich habe einen Schutzwall errichtet."

Österreichs Eishockey-Teamchef Jim Boni, angesprochen auf Demers, nennt dessen Leistung "unglaublich" und kann sich "schwer vorstellen", wie Demers unter den schwierigen Umständen so erfolgreich sein konnte. Antje Dober-Bey von der Volkshochschule Floridsdorf: "Dieses Beispiel zeigt, dass Analphabetismus nicht zwingend mit mangelnder Intelligenz zu tun hat." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 4. November 2005, Stefan Rathmanner)

Dieser Artikel entstand bei einem von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl und Bettina Reicher geleiteten Seminar für Studenten der FH Wien: Nicola Löwenstein, Sophie Preisch, Stefan Rathmanner, Hannah Rinnhofer, Maria Schaunitzer, Johanna Scholz, Klara Trautner, Regula Troxler, Florian Vetter, Jakob Weichenberger, Claudia Widlak, Birgit Wittstock, Markus Zahradnik, Andreas Zehetmeyer.
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