Paula: "Ruhig Blut"

    4. Dezember 2005, 17:34
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    Die Berliner Band wechselt vom Synthesizer an die Gitarre - zwei Fans der ersten Stunde ziehen mit

    Als 2000 das Berliner Duo Elke Brauweiler und Berend Intelmann unter dem Namen "Paula" die Pop-Bühne betrat, lag das 80er-Jahre-Revival noch in der Wiege. Es folgten drei exzellente Elektropop-Alben ... und schließlich eine Pause. - Heute, fünf Jahre später, ist Paula in ihrer aktiven Form zu Elkes Band geworden, während sich Berend in die Rolle des Produzenten und Songschreibers zurück genommen hat. Doch die auffälligste Neuerung an Album Nummer 4, "Ruhig Blut", ist: Der Synthesizer wird von der Gitarre ausgestochen. Paula rockt.

    Jürgen: Schockiert?

    Heimo: Hmm ... eigentlich nicht. Eher überrascht, wie unerwartet gut sich die E-Gitarre im bisher wohlbesyntheten Paulauniversum macht. Ja, ich mag Paulas Jüngste, es hat bei mir aber diesmal etwas gedauert, bis die ersten Melodiefetzen hängen blieben. Als erstes gelang das "Es kommt immer alles anders", einem typisch galant-kantigen Paulakracher und dem Wolkenaufreißer "Wenn du leuchtest", was lustigerweise gerade die Nummern sind, die am ehesten auch im herkömmlichen Synthiegewand gepunktet hätten, oder?

    Jürgen: Stimmt, einige Lieder haben eine so Paula-typische Melodie, dass man im Kopf unwillkürlich die Gitarren durch ein Keyboard ersetzt. Trotz der besungenen "Veränderung" also viel Vertrautes – ist auch gut so, irgendwie hatten Paula ja immer etwas Heimeliges. Das "Punk"-Finale von – Nomen est omen - "Es kommt immer alles anders" ist allerdings ziemlich schräg; auch die Idee, das als erste Single auszukoppeln. Da wollten sie's den Fans wohl beweisen: Wir können auch anders.

    Mir ist es übrigens ähnlich gegangen: Beim ersten Mal Anhören haben mir noch Songs gefehlt, die so wie früher "Jimmy" oder "Ich denke nicht oft an dich" unmittelbar ins Ohr springen. Ein paar Tage später habe ich dann festgestellt, dass ich gut zwei Drittel der CD vor mich hinpfeifen konnte. Offensichtlich haben Paula immer noch die Gabe für Killer-Hooklines. "(Wann wird's wieder) Grün" oder "Nimm mich mit wenn du gehst" funktionieren perfekt, und natürlich "Wenn du leuchtest". Dass das von Jovanka von Willsdorf geschrieben wurde, lässt einen drüber spekulieren, wie es in einer Quarks-Version geklungen hätte. Bei Paula hat es einen Touch von Blondie.

    Heimo: Ja, Elke handhabt die Ironie des zynischen Liedtextes von "Wenn du leuchtest" sehr geschickt, das kommt so elegant-beiläufig daher, große Klasse! Das ist glaub ich generell eines der heimlichen Qualitätsmerkmale von Paula: die gespielte Leichtfüßigkeit, die manchmal mit Plattheit verwechselt wird. Die Komplexität und Verspieltheit von Komposition, Stimm- und Melodieführung und Rhythmik bleibt unaufdringlicher Diener der Musik, und das kriegt man als HörerIn kaum mit – zum Beispiel das programmatische "Veränderung" oder meiner Meinung nach auch "Ruhig Blut". Großartige Nummern, aber finde hierfür mal die richtigen Worte, um zu erklären, was diese Lieder so besonders macht – nicht einfach. Da müsste man schon in den musiktheoretischen Grabbeltisch langen.

    Erschwerend für die Analyse kommt aber hinzu, dass wir auf der aktuellen Paulaplatte gleich mehrere Autoren haben. Neben Berend, dem bisherigen Paulapappa, und Quarks-Jovanka hat auch "Der dünne Mann" von Viktoriapark, einer anderen Berliner Formation meines Gefallens, ein paar Songs beigetragen. Analyse hin oder her: Diese Lieder sind einfach wunderschön, besonders "Nimm mich mit wenn du gehst" und "Ruhig Blut" - auch die Texte.

    Jürgen: Textlich sind sie diesmal eindeutig vielfältiger unterwegs, sicher auch wegen der diversen Gastbeiträge: Von einer etwas gezierten Ausdrucksweise (was manche an Paula ja hassen; ich nicht, auch wenn ich über einige Zeilen immer wieder stolpere) bis zum "Lied für dich" mit seinem patzig hingeknallten Ende: ... du hast immer nur gesagt, ich soll auf dich eingehen und dass ich ein Lied für dich schreiben soll, hier hast du es! Der Song ist für mich ein echtes Faszinosum: Elke singt derart gegen die Melodie an, wie ich es noch selten gehört habe.

    Heimo: Ja, das "Lied für dich" ist wirklich kurios und relativiert nebenbei auch die von mir vorhin behauptete Unaufdringlichkeit der Kunstfertigkeit bei Paula, denn diese Nummer hämmert sich fast penetrant in den unvorbereiteten Fangehörgang: Nicht nur, dass Elkes Gesang konstant im Offbeat bleibt, auch der markante Viervierteltakt wird durch Zweivierteleinschübe bewusst gebrochen. Das unterstreicht dann auch die "Patzigkeit" der letzten Textzeile. Eben: Paula wissen genau, was sie tun!

    Zu den Texten von "Ruhig Blut" kann ich nur meine Lieblingszeile aus dem gleichnamigen Albumopener wiedergeben: Ich leb' in deiner Kassette und spiel sie so lang als hätte ich keine andere. So was mag ich, ein schönes Bild knapp formuliert und hübsch ausgesprochen. Mehr brauche ich von Paula diesbezüglich nicht und das kriege ich geboten – ich bin glücklich.

    Jürgen: Dito. Und Elke ist spätestens glücklich, wenn sie als Konzertzugabe wieder "Ça plane pour moi" singen kann. Irgendwie hatte sie halt schon immer eine Rockerseele ...

    • Paula: "Ruhig Blut" (Königskinder Schallplatten / SPV 2005)
      coverfoto: königskinder schallplatten

      Paula: "Ruhig Blut" (Königskinder Schallplatten / SPV 2005)

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