Haushaltskonsolidierung hat "kein erotisches Potenzial"

15. November 2005, 09:37
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Die Große Koalition ist eine illusionslose Partnerschaft

Berlin - Blass und mit wächsernem Gesichtsausdruck sitzt CSU-Chef Edmund Stoiber da. Nur kurz will er sprechen. Dann gleich wieder weg, ab in den Flieger und heim nach München. Er fühlt sich einfach nicht wohl in Berlin, noch dazu, wenn er schon wieder neben Angela Merkel sitzen muss.

Die künftige Kanzlerin hingegen wirkt gelöst, nahezu heiter. Sie sitzt mit Stoiber, dem künftigen Vizekanzler Franz Müntefering und dessen designiertem Nachfolger als SPD-Chef, Matthias Platzeck, in der Berliner Bundespressekonferenz und erläutert die Details des Koalitionsvertrages. Doch es geht dabei auch um das Zwischenmenschliche. Merkel, Müntefering und Platzeck wollen noch etwas demonstrieren: dass sie gar nicht schlecht miteinander können.

Gemeinsames Gläschen Wein

Noch vor zehn Wochen warf die Union den "Sozen" Unfähigkeit vor, und die SPD attestierte Merkel "kalten Neoliberalismus". Jetzt aber hat man sich zusammengerauft, trinkt gemeinsam sogar schon ein Gläschen Wein. Die "Ossis" Merkel und Platzeck verstehen einander ohnehin gut. Beide Naturwissenschafter stammen aus Brandenburg und sind erst seit der Wende politisch aktiv. Aber auch Merkel und Müntefering schätzen mittlerweile die Verlässlichkeit des anderen. Merkel rechnet es "Münte" hoch an, dass er zuerst sie und dann die Öffentlichkeit über seinen Rückzug vom SPD-Vorsitz informiert hat.

Deshalb können sie auch gemeinsam über die "Richtlinienkompetenz" der Kanzlerin scherzen. "Es steht im Grundgesetz drin, dass sie die Richtlinienkompetenz hat. Aber es steht nicht drin, dass man sie anwenden muss", feixt Müntefering. "Es wird noch dazu kommen, dass mich ein sozialdemokratischer Minister um die Ausübung bitten wird", gibt Merkel unter Gelächter zurück.

Trotz der neuen Heiter- und Herzlichkeit machen sich die Beteiligten aber keine Illusionen über ihre große Koalition: Müntefering spricht von einer "Lebensabschnittspartnerschaft", und Platzeck fügt hinzu: "Das ist keine Liebesbeziehung, sondern eine Zweckehe." Den Grund nennt er auch: "Die Konsolidierung des Haushalts hat eben kein besonders erotisches Potenzial." (bau/DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

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