"Harry Potter und der Feuerkelch": Bubenbackfisch im Paralleluniversum

13. November 2005, 21:05
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Mike Newell verfilmte "Harry Potter und der Feuerkelch", den vierten Teil der Zaubersaga

Newell schweift nicht ab, er ordnet und bringt das, was der Roman von Joanne K. Rowling noch an Weitschweifigkeit geboten hatte, auf Linie.


Wien - Drei Aufgaben, drei Schulen, drei Teilnehmer: Das Trimagische Turnier ist ganz auf dreierlei aufgebaut. Außerdem ist es nicht jugendfrei - wer hier antreten will, muss siebzehn Jahre alt sein. Wie alt ist Harry Potter im vierten Film der Serie? Er ist vierzehn.

Beim Turnier hat er daher eigentlich nichts zu suchen. Es geht ihm ein wenig wie dem Filmemacher Mike Newell, der Harry Potter und der Feuerkelch am Mittwoch in die Kinos bringt, den vierten Teil des Zyklus, während die Fans doch gerade den sechsten und vorletzten Band Harry Potter und der Halbblutprinz gelesen haben, in dem der Held schon sechzehn Jahre ist.

Ein moderner Teenager ist er da wie dort nicht, er bleibt ein Bubenbackfisch, dem ein ganzes Universum untersteht. In den Dreikampf des Trimagischen Turniers bringt er die vierte Dimension ein. Seine überraschende Qualifikation sanktioniert der Feuerkelch selbst, aus dessen Rauch sich ein vierter Zettel erhebt, auf dem der Name Harry Potter steht.

Die Kameraden im Zauberinternat Hogwarts nehmen das nicht ohne Murren zur Kenntnis. Ihnen kommt das so vor, als hätte Artus selbst das Schwert in den Stein gesteckt, das er später wieder herauszieht. Aber Harry ist reinen Gewissens. Er will den Trimagischen Pokal gar nicht, aber er muss das Turnier bestreiten, weil es ihn für größere Aufgaben vorbereitet. Alles hängt an ihm, so wie das Gleichgewicht in Mittelerde von der Expedition des Jungen Frodo abhängt.

Der vierte Teil der Potter-Saga wird am Ende in der Mitte stehen. Für das Buch wie den Film bedeutet dies, dass ein entscheidendes Ereignis eintreten muss, dass darüber hinaus aber viel Zeit für das Zwischenmenschliche bleibt. Das entscheidende Ereignis ist die Rückkehr von Lord Voldemort, von der Harry zu Beginn schon träumt und die sich am Ende in einem Showdown erfüllt. Ralph Fiennes spielt den Antagonisten, der aussieht, als wäre er in der Evolution kurz vor der Ausbildung der Nase stecken geblieben. Halb Amphibium, halb Totenschädel, ist Voldemort das dramatische Versprechen für die folgenden drei Teile.

Das Schuljahr in Hogwarts nimmt zwischendurch aber ganz normal seinen Lauf. Aus Durmstrang und Beauxbatons kommen Abordnungen befreundeter Anstalten zum Trimagischen Turnier. Die osteuropäischen Burschen und die französischen Mädchen sind alle schon ein wenig älter. Harry, Ron und Hermine, die unschuldige Troika, blicken zu ihnen auf wie zu Fabelwesen, an denen etwas vage Geschlechtliches haftet. Da in ihren Träumen aber weder Rasputin noch Lady Chatterley vorkommen, bleibt ihnen die hintergründige Frivolität von Mike Newell verborgen.

Die drei Aufgaben während des Turniers stehen in der guten alten Sagentradition: Einem Drachen, den er mit seinem Zauberstab zum Absturz bringt, stiehlt Harry ein goldenes Ei, in dem ein Rätsel versteckt ist, das er nur lösen kann, indem er sich in ein Dampfbad setzt. Diese besonders unverhohlene Anspielung auf das Rätsel der frühpubertären Sexualität ist aber ein isolierter Moment, denn Harry (Daniel Radcliffe) bleibt in Liebesdingen der reine Tor.

Unlauterer Vorteil

Zwar zieht es ihn zu der Mitschülerin Cho Chang (Katie Leung) hin. Er ist aber nicht fix genug, sie rechtzeitig vor dem Weihnachtsball zu fragen, ob er ihr Kavalier sein darf. Diese Veranstaltung, auf der sogar eine Band auftritt, ist der soziale Höhepunkt von Harry Potter und der Feuerkelch.

Da auch für das Tanzen ein Kraut gewachsen ist, verschafft sich ein Kamerad einen unlauteren Vorteil. Hermine überrascht mit einem Kleid, das gar nicht in die wilde schottische Landschaft passt. Die Reporterin Rita Skeeter (Miranda Richardson) macht die Paparazza bei diesem Aufmarsch kurioser Figuren. Harry Potter ist nunmehr prominent. Ein Privatleben hatte er schon vorher nicht. Wie die meisten Anspielungen an "das richtige Leben" ist auch diese ein wenig beliebig und undeutlich. Das Paralleluniversum fliegt nur deswegen nicht auseinander, weil es geschlossen ist. Die Todesser haben mit Al-Kaida nichts zu tun, auch wenn die Autorin dies gelegentlich anders sehen möchte.

Mike Newell stellt sich ganz in den Dienst der Erhaltung des Grundgesetzes. Er schweift nicht ab, er ordnet und bringt das, was der Roman noch an Weitschweifigkeit geboten hatte, auf Linie. Nach dem Drachen kommt der See, nach dem Tauchen das Labyrinth. In dessen Zentrum fängt alles von vorne an.

Kunstmythologien wie Harry Potter leben von ihren eigenen Voraussetzungen. Die Filme dichten den Fantasieraum ab, den die Bücher geöffnet haben. Sie besiegeln das Schicksal von Harry Potter, der erst in zwanzig, fünfzig Jahren ein neues Gesicht bekommen kann. Ob diese Geschichte dann noch immer ihren Zauber verströmt, ob sie also ein Klassiker wird wie Der Herr der Ringe, wird sich weisen. Die Potter-Filme werden als Illustration bestehen. An das ozeanische Gefühl, das sich bei einer glücklichen Lektüre einstellt, reichen sie nicht einmal in Ansätzen heran. Daran ändern auch die Schwaden des Feuerkelchs nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2005)

Von Bert Rebhandl
  • Abdichtung des Fantasieraums einer Lektüre: Albus Dumbledore (Michael Gambon) zaubert in Mike Newells "Harry Potter und der Zauberkelch" vor wissbegierigen Schülern.
    foto: warner

    Abdichtung des Fantasieraums einer Lektüre: Albus Dumbledore (Michael Gambon) zaubert in Mike Newells "Harry Potter und der Zauberkelch" vor wissbegierigen Schülern.

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