Fromme Wünsche im Irak

22. November 2005, 12:32
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Nach Ansicht der USA sollte der integrative politische Prozess mit den Parlamentswahlen eigentlich abgeschlossen sein - Gudrun Harrer

Wenn irakische Politiker wie - der gerade in Österreich weilende - Präsident Jalal Talabani oder sein Vize Adel Abdul Mahdi von der voraussichtlichen Reduzierung der fremden Truppen im Irak bereits im kommenden Jahr sprechen, dann machen sie aus der Not eine Tugend. In der Tat ist zu hoffen, dass sich bis dahin die irakischen Sicherheitskräfte etwas konsolidiert haben und mehr Aufgaben allein übernehmen können: Bisher ist das nicht der Fall. Aber wie auch immer, alles - Briten, Italiener, aber auch die Amerikaner - will raus aus dem Irak. Doch der immer optimistische und moderate Talabani hat im selben Interview, in dem er den Abzug der Briten für Ende 2006 in Aussicht stellte, auch gesagt, dass ein Bürgerkrieg drohe, wenn die Ausländer zu schnell das Land verlassen.

Wer nun jedoch glaubt, dass die amerikanischen und die irakischen Truppen im Irak ganz allgemein als Schutz vor den Aufständischen empfunden und geschätzt werden, irrt. Die Zahlen - die es meist nicht in die westlichen Medien schaffen - sprechen eine andere Sprache: Es ist im Irak heute statistisch wahrscheinlicher, bei Kampfhandlungen durch amerikanische oder irakische Truppen umzukommen als durch einen Anschlag. Und dazu muss man wohlgemerkt selbst gar kein Aufständischer sein.

Es ist klar, dass diese Tatsachen nicht sehr hilfreich sind beim Versuch, die Unterstützung für die Aufständischen in der Bevölkerung auszutrocknen. Umso wichtiger wäre ein integrativer politischer Prozess. Nach Ansicht der USA sollte dieser mit den Parlamentswahlen Mitte Dezember eigentlich abgeschlossen sein - und man wird das auch so darzustellen versuchen. Allein, das ist ebenfalls ein frommer Wunsch: Der danach beginnende Revisionsprozess des Verfassungstextes, über den im Oktober abgestimmt wurde, wird darüber entscheiden, ob der Irak als Staat zu retten ist beziehungsweise wie ein Zerfall verläuft. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2005)

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