Reisen auf der schwimmenden Kulisse

22. November 2005, 17:12
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Auf der "MS Deutschland" wird wieder gedreht, aber auch ohne Kamera pflegt das Traumschiff sein Fernsehimage

Mit Musikbegleitung, einem König-Pilsener in der Hand und dem beruhigend sanften Vibrieren der vier Schiffsmotoren mit 16.750 PS irgendwo tief unten im Bauch der "MS Deutschland" ist der Blick auf den abendlichen Markusplatz noch eindrucksvoller. Und aus der Perspektive des Lido-Decks - das entspricht dem neunten Stock - übersieht man die Baustellen einfach, mit denen die Stadt Venedig ihre Denkmäler vor dem Verfall zu schützen versucht.

Es ist wie im Film. Und die Reederei Peter Deilmann tut auch alles, damit man sich wie im Film fühlt - das Kreuzfahrtschiff ist ja auch eine schwimmende Kulisse: "Traumschiff" steht auf dem markanten Rauchfang. Und immer, wenn die "MS Deutschland" ausläuft, werden die Decks mit der Kennmelodie der gleichnamigen Fernsehserie beschallt. Da entsteht der Eindruck eines kollektiven Déjà-vu: Hier waren doch alle schon einmal, so ähnlich haben das alle schon im Patschenkino erlebt.

Dabei ist die Kulisse echter, als man glauben würde, wenn man durch das schwimmende Filmstudio promeniert. Als Peter Deilmann die "Deutschland" 1998 bei den Howaldtswerken bauen ließ, wollte er sie wie ein Linienschiff aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit viel Messing und Blattgold, mit Edelholz und Kunstwerken ausgestattet haben. Wer nachlesen will, wer diese Porzellanfigur da oder jenes Ölbild dort geschaffen hat, wird auf einen über 100 Seiten starken Kunstkatalog verwiesen, der die Dekoration des Schiffes dokumentiert.

Aber so genau will man es gar nicht wissen: Kunst satt gibt es ja schließlich auf den Landgängen, mit den Museen Venedigs kann und will sich die "Deutschland" ja nicht messen. Mit den Osterien und Trattorien auch nicht.

Man isst deutsch

Was die Küche für die drei Restaurants zu bieten hat, ist zwar von erstklassigem Niveau, gleichzeitig aber solide und brav. Deutsche Stammgäste, auch wenn sie den höheren Einkommensschichten (die zwölftägige Fahrt von Venedig nach Rom ist ab 3011 €zu haben) angehören, wollen eher nicht mit ausgefallenen Kreationen überrascht werden. Deswegen gibt es allenfalls Zugeständnisse an die kulinarische Tradition der jeweiligen Häfen - sonst aber ist alles fest in deutscher Hand.

Das beginnt an der Rezeption und endet spätnachts im "Alten Fritz", der mit einer Büste des Preußenkönigs dekorierten Bar: Man spricht Deutsch, Angebot und Service entsprechen Erwartungen, die man in Deutschland an ein "erstes Haus am Platz" hätte. Nur dass dieses Haus eben Kabinen statt Zimmer hat und versucht, auf 175 m "Länge über alles" alle Annehmlichkeiten eines Fünfsternehotels mit einem üppigen Freizeitangebot zu kombinieren. Ein eigenes Deck ist beispielsweise für das Wellness-Spa eingerichtet - dass sich auf demselben Deck ein Hospital mit Dialysestation befindet, wird für die älteren Patienten eine gewisse Beruhigung darstellen.

Mit "zwischen 60 und 67"...

... geben die Reederinnen Gisa und Hedda Deilmann das Durchschnittsalter ihrer Passagiere an: "Das sind eher gut situierte Leute, die Reisen sind ja nicht billig", sagt Gisa Deilmann und ihre Zwillingsschwester Hedda versucht, ja kein falsches Bild aufkommen zu lassen: "Wir sehen 65-jährige Kunden als ,aktiv' an, das sind Leute, die nicht nur einfach in einem Bus sitzen wollen bei einem Landausflug."

Also wird zunehmend versucht, die Reisen zu individualisieren: Es gibt - abseits der klassischen Kreuzfahrtgewässer - Pferde-Kreuzfahrten mit Ausflügen zu irischen und englischen Gestüten, Tango-und Kaffee-Kreuzfahrten. Die haben aber mit den berüchtigten deutschen Kaffeefahrten nichts zu tun, schließlich ist man in der Karibik. Und wer will, kann die Landausflüge auch individuell mit Chauffeur und Champagner-Picknick gestalten. Oder als zahlender Statist mit der ZDF-Filmcrew für die nächste "Traumschiff"-Staffel. Sie wird von Jänner bis März zwischen Kapstadt und den Seychellen, Sharm el-Sheikh und Madagaskar gedreht. (Conrad Seidl/Der Standard, Printausgabe 12./13.11.2005)

  • Wenn sich die "MS Deutschland" zum nächsten Drehtermin aufs Neue in das "Traumschiff" verwandelt, ist das Sonnendeck wieder voll mit zahlenden Statisten.
    foto: reederei deilmann

    Wenn sich die "MS Deutschland" zum nächsten Drehtermin aufs Neue in das "Traumschiff" verwandelt, ist das Sonnendeck wieder voll mit zahlenden Statisten.

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