Talabani rechnet mit Abzug der Briten 2006

16. November 2005, 14:36
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Präsident warnt aber vor einem zu raschen Abzug der multinationalen Truppen

Bagdad/London/Amman - Der irakische Präsident Jalal Talabani meinte in einem am Sonntag ausgestrahlten TV-Interview, die britischen Truppen könnten den Irak Ende kommenden Jahres verlassen. Die Iraker wollten nicht, dass die ausländischen Soldaten ewig blieben.

Bis Ende 2006 seien die irakischen Sicherheitskräfte in der Lage, die Kontrolle in den von den Briten kontrollierten Provinzen um Basra zu übernehmen. Auf die Frage, ob das Datum mit der britischen Regierung abgesprochen sei, antwortete Talabani: "Es gab noch keine Verhandlungen, aber ich schätze die Lage so ein." Der Präsident warnte aber eindringlich vor einem raschen Abzug der multinationalen Truppen. Das wäre eine "Katastrophe" und würde zu einem Bürgerkrieg führen, der den gesamten Nahen Osten destabilieren könnte.

Schrittweise Reduzierung

Deswegen sei eine schrittweise, eng koordinierte Truppenreduzierung notwendig. Vizepräsident Adel Abdul Mahdi sagte, er habe die Möglichkeit eines Teilabzugs bereits mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erörtert und Übereinstimmung über den künftigen Kurs erzielt. Mahdi war am Samstag mit Rumsfeld in Dearborn im US-Bundesstaat Michigan zusammengetroffen. Der Vizepräsident sagte zudem, er wünsche sich mehr politisches Engagement vonseiten der irakischen Bevölkerung. Die Regierung hoffe auf 70 Prozent Beteiligung bei den anstehenden Parlamentswahlen am 15. Dezember. Mahdi gilt als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten.

In Bagdad starben am Samstag bei einem Autobombenanschlag auf einem belebten Markt mindestens vier Frauen. Weitere 40 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, wurden verletzt. Am Sonntag kamen bei mehreren Anschlägen mindestens neun Menschen ums Leben, davon fünf in Bagdad. Bei einem Großeinsatz in Bakuba, 60 Kilometer nördlich von Bagdad, nahmen irakische Sicherheitskräfte Samstagfrüh mehr als 300 Verdächtige fest.

Attentat in Amman

Die jordanische Regierung gab bekannt, dass es sich bei den drei Attentätern, die am vergangenen Mittwoch in Amman sich selbst und 57 weitere Personen töteten, um irakische Staatsbürger handelte. Eine 35-jährige Irakerin ist in Haft. Sie habe sich mit ihrem Mann im Hotel Radisson in die Luft sprengen wollen, sagte der jordanische Vize-Präsident Marwan Muasher. Sadjida Mubarak Atrus al Rishawi ist die Schwester eines von US-Truppen getöteten Funktionärs der Al-Kaida im Irak, Mubarak Atrus al Rishawi.

Dieser galt als rechte Hand von Abu Mussab al-Zarkawi, dem aus Jordanien stammenden Chef der irakischen Al-Kaida-Zelle, die sich zu den Anschlägen bekennt. Vier Attentäter sollen nach Regierungsangaben bereits am 4. November nach Jordanien eingereist sein. (AP, AFP, Reuters, dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2005)

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    Präsident Jalal Talabani glaubt, dass der Irak ab Ende nächsten Jahres nicht mehr auf britische Truppen angewiesen sein wird.

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