Schlösser nach Maas

22. April 2007, 15:30
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Die Schlösser an der belgischen Maas hatten in vielfacher Hinsicht Vorbildcharakter für jene an der französischen Loire - Ein Burgschauspiel in Wallonien

Der Park von Rullingen ist so groß, so durchsetzt mit prachtvollen Gruppen alter Bäume, dass kaum ein Laut der Außenwelt in sein Herz dringt, dorthin, wo das Kasteel, das Schloss Rullingen, liegt. Wer als Gast hier absteigt und abends bewusst oder unbeabsichtigt das Fenster offen lässt, sollte sich nicht wundern, wenn Fledermäuse lautlos durch das Zimmer huschen. Doch keine Angst, Graf Dracula lässt hier nicht grüßen, das Schloss ist eine der erstklassigen gastronomischen Adressen im belgischen Maastal.

Bei ihrem rund 600 Kilometer langen Lauf von den Quellen des Stromes im französischen Lothringen kommt die Maas an mancherlei Burgen, Schlössern und Festungen vorbei, wobei der Flussabschnitt zwischen der belgisch-französischen Grenze und Lüttich das Tal der feudalen Schlösser ist. Unterhalb von Lüttich erreicht der Strom mit der belgischen Provinz Limburg die Region Flandern.

Wie es dieser Landschaft angemessen ist, sind es nunmehr behäbige, landsitzartige Schlösser, die hier auf Besucher warten, auch wenn sie nicht alle als Hotels oder Restaurants dienen. Dennoch sind die meisten Schlösser im belgischen Maastal touristische Sehenswürdigkeiten wie etwa das Schloss Freyr, an dem die Maas vorbeizieht, wenige Kilometer nachdem sie belgisches Gebiet erreicht hat. Das Schloss mit seinen Gartenanlagen gehört zu den größten und aufwändigsten Schlossanlagen Belgiens.

Wann und wie es genau entstanden ist, weiß man nicht. Nach 1637 wurde das in einem sanft zum Strom hin abfallenden Gelände wohl schon sehr früh entstandene Schloss allmählich umgebaut. So sah Frankreichs König Ludwig XIV. Freyr, als er 1675 die nahe gelegene Stadt Dinant belagerte. Im gleichen Jahr wurde in Schloss Freyr ein Handelsabkommen zwischen Frankreich und Spanien, dem das heutige Belgien als Teil der damaligen Niederlande angehörte, geschlossen, es ging als "Freyr-Abkommen" in die Wirtschaftsgeschichte ein.

Café philosophique

Zum ersten Mal soll aus diesem Anlass in den Niederlanden Kaffee getrunken worden sein. Die Herren von Freyr haben immer ein großes offenes Haus geführt. Voltaire war hier zu Gast, Rousseau, Heinrich IV., auch Stanislas Leczinski, der Schwiegervater Ludwigs XV. Der polnische König, der von August dem Starken vom Thron gedrängt worden war und in Nancy im Exil lebte, war oft Gast in Freyr. Ihm verdankt das Schloss die kostbaren, den berühmten Toren von Nancy nachgebildeten, schmiedeeisernen Tore und 33 Orangenbäume, die inzwischen mehr als 300 Jahre alt sind. Freyr ist der einzige Besitz an der Maas zwischen Frankreich und der Nordsee, der seit dem 17. Jahrhundert unverändert in seiner Größe geblieben ist.

Bei der Barockstadt Namur liegt nahe der Mündung des Rouillon in die Maas Schloss Annevoie, das "belgische Versailles". In dem nicht sonderlich großen Schlosspark, der hier nach 1730 entstanden ist, steht der Ankömmling wohl staunend und sinnierend. Wie kann in diesem kleinen Park etwas so perfekt funktionieren, wofür die Gartenmeister des Sonnenkönigs in Versailles eine höchst aufwändige technische Anlage brauchten? Selbst mit größtem Aufwand sprudelten die Fontänen, stiegen die Wasserspiele von Versailles für höchstens eine halbe Stunde. Dann war alles vorbei, waren die Bassins leer. Hier aber in der Parkanlage, in der englische, französische und italienische Stilelemente miteinander verwoben sind, schießen die Fontänen seit mehr als einem Vierteljahrtausend(!) unablässig, Tag und Nacht, sommers wie winters.

Mit allen Wassern

Des Rätsels Lösung ist simpel. Der natürliche Druck des von der Höhe herabstürzenden und in die verschiedenen Leitungen geführten Wassers macht's möglich. Mitte des 18. Jahrhunderts ließ Graf Charles-Alexis de Montpellier, der durch die Rüstungsindustrie im Maastal reich geworden war, in der Nähe vier Quellen fassen und ein großes Becken auf dem Hügel errichten, der seinem Schloss gegenüberliegt. Von dort stürzt das Wasser in den Park hinein und bildet eine ganze "Menüfolge" von kleinen, aus sprühendem Wasser geformten Fächern.

Mit Versailles und seinen Wasserspielen ist auch das 1233 erstmals erwähnte Schloss Modave, eines der schönsten Schlösser in den Ardennen, verbunden. Auf einem 60 Meter aus dem Tal des Hoyoux aufsteigenden Felsen thront das Schloss der Grafen von Marchin. Der Lütticher Zimmermann Rennequin Sualem hat die weltberühmt gewordene "Maschine" entwickelt, mit der das Wasser aus dem Hoyoux zum Schloss heraufgepumpt wurde für den Hausgebrauch und zur Gartenbewässerung. Frankreichs König Ludwig XIV. war von dieser Konstruktion so begeistert, dass er ihren Erfinder beauftragte, das Wasserzufuhrsystem der Brunnen von Versailles zu gewährleisten.

Als einzige Flachlandburg der Ardennen, die aus einer mittelalterlichen Wasserburg hervorging, beeindruckt Schloss Lavaux-Sainte-Anne. In ihm ist ein Jagdmuseum untergebracht mit einer speziellen Parforcejagd- und Falknereiabteilung. In einem Seitenflügel ist das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete "Restaurant du Château Eric Martin" angesiedelt.

Nicht alle Schlossherren müssen ihren Etat für die Erhaltung des Besitzes durch Eintrittsgelder aufbessern. So etwa die Herren von Walzin. Auf einem jäh aus dem Tal der Lesse, unmittelbar vor deren Einmündung in die Maas bei Dinant, aufragenden Felsen thront dieses Schloss wie ein unzugänglicher Adlerhorst. Der Besucher muss sich damit begnügen, den imposanten Eindruck von unten auf sich wirken zu lassen, oder sich am Spiegelbild von Walzin im Wasser der Lesse zu erfreuen.

Zu den am eindrucksvollsten gelegenen Schlössern des Maastales gehört schließlich Schloss Vêves, nur wenige Kilometer von jener Stelle entfernt, an der einst der heilige Hadelin in einem kleinen Waldtal seine Klosterzelle gründete. Angeblich soll bereits Pippin III., Vater von Karl dem Großen, das erste Schloss Vêves gebaut haben, weil er in der Nähe des Heiligen sein wollte. So schön das allgemein zugängliche und als Museum zu bestaunende Schloss auch ist, von den im 18. Jahrhundert so berühmten französischen Gärten, in die es eingebettet war, ist nichts mehr übrig geblieben.

Auch die große Zeit von Schloss Spontin scheint vorbei zu sein: Man kann zwar die heute weit gehend kahlen Räume besichtigen, immerhin bleibt das Bild des von Wasser umgebenen Schlosses äußerst postkartentauglich. (Christoph Wendt/Der Standard, Printausgabe 12./13.11.2005)

  • Auf jedem zweiten Hügel ein Schloss...
    foto: belgien-tourismus

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  • Liège / Wallonie: Blick von der Zitadelle auf die Maas und Lüttich
    foto: der standard

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