Über die Bringschuld von MigrantInnen

12. November 2005, 11:03
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Necla Kelek, für "Die verkaufte Braut" mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet: Öffentlichkeit gehöre Männern und Frauen gleichermaßen

Hamburg - Die diesjährige Trägerin des "Geschwister-Scholl-Preises", Necla Kelek, sieht für ein friedliches Zusammenleben von MigrantInnen und Deutschen die Bringschuld vor allem bei den EinwandererInnen. "Integration heißt, das Land, in dem ich lebe, als mein Land zu akzeptieren und mich mit ihm und seinen Werten zu identifizieren", sagte die deutsch-türkische Soziologin in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Kelek erhält am Montag in München den Preis, der nach dem unter der Nazidiktatur hingerichteten Geschwisterpaar benannt ist. Die 47-Jährige bekommt die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Buch "Die verkaufte Braut", das einen Einblick in die Praxis von Zwangsehen und arrangierten Hochzeiten in der türkisch-muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland gibt.

"Kinder an die Moderne verlieren"

EinwandererInnen sollten die deutsche Sprache lernen und den Wert von Bildung stärker anerkennen, forderte die Autorin. "Bildung ist die Möglichkeit, in die Gesellschaft einzutreten, in der man lebt." Islamische Familien dürften ihre Frauen nicht zu Hause einsperren, sondern müssten akzeptieren, dass die Öffentlichkeit Männer und Frauen gleichermaßen gehöre. "Sie müssen ihre Kinder loslassen, auch wenn sie sie an die Moderne verlieren."

Warnung vor staatlicher Ignoranz

Kelek warnte zugleich vor Ignoranz seitens des Staates. "Wenn wir nicht genau hinschauen, dann wird es nur ein Nebeneinander geben, weil die Kulturdifferenzen immer weiter auseinanderklaffen." So habe der Staat in Frankreich, wo es zu heftigen Ausschreitungen in Vorstädten gekommen ist, die Bedeutung der kulturellen Unterschiede zu lange nicht erkannt. Dort sei das Nebeneinander noch viel extremer als in Deutschland. "In Deutschland sind wir sehr schnell dabei, zu diskutieren und einen Weg zu suchen. Das findet in Frankreich nicht statt."

Angefeindet und verunglimpft

Den Preis sieht Kelek als Anerkennung dafür, dass sie mit ihrem Buch ein Tabu gebrochen und das Innenleben von türkischen Familien in Deutschland geschildert habe. "Dort ist die Demokratie nicht angekommen." Für ihre Schrift sei sie angefeindet und verunglimpft worden. "Was ich gemacht habe, ist, dass ich meinem freien Geist gefolgt bin und gesagt habe: Da wird die Freiheit mit Füßen getreten, die müssen wir verteidigen". In dem konsequenten Eintreten für ihre Überzeugungen sehe sie auch Parallelen zu den WiderstandskämpferInnen Hans und Sophie Scholl, die 1943 hingerichtet wurden.

Medien- und Jury-Echo

Die Jury lobte Keleks Buch als "Streitschrift gegen den archaischen Sittenkodex der Zwangsheirat, für einen besseren Schutz der Opfer arrangierter Ehen und für das Recht auf selbstbestimmte Lebensführung". Allerdings ist das Werk der Soziologin in Medien auch kritisiert worden als "kompromisslose Abrechnung mit dem Islam" und gezielte "Anklage".

Wichtige Impulse

Der Geschwister-Scholl-Preis wird von der Stadt München und dem bayerischen Landesverband im Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Mit ihm wird jedes Jahr ein Buch ausgezeichnet, das "von geistiger Unabhängigkeit zeugt, das geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben." Zu den bisherigen PreisträgerInnen zählen Christa Wolf, Reiner Kunze, Rolf Hochhuth, Victor Klemperer und im vergangenen Jahr die französische Autorin Soazig Aaron. (APA/dpa)

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