"In the Ghetto" - Was bedeutet das heute?

11. November 2005, 19:59
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Was ist da in der Banlieue geschehen: Intifada in Eurabia oder Sozialrevolte? - ein Kommentar der anderen von Robert Misik

Erstaunlich, wie sich die Diskurse in den letzten Wochen verändert haben. Zunächst wurde der Aufstand in den Banlieues reflexartig als ethnischer Konflikt interpretiert. Den Vogel schoß dabei wieder der Spiegel ab. Der schwadronierte von einer "Intifada" und: "Der Traum eines friedlichen Multikulti-Miteinanders zerplatzt."

Immer häufiger ist nun aber zu hören und zu lesen, in den Vorstädten entlade sich die "blinde Wut" deklassierter Einwandererkinder, die einen französischen Pass haben, französisch denken, französisch fühlen, die republikanischen Werte von Gleichheit und Brüderlichkeit verinnerlicht haben. "Das nimmt die Vorstadtjugend ernster, als es vielen Franzosen recht ist", konstatiert die aktuelle Zeit.

Paradigma

In den Vordergrund tritt, dass in den Vorstädten allenfalls unter Jugendlichen geballt auftritt, was zu einem Paradigma der postfordistischen Industriegesellschaften wird: Es entsteht eine Unterklasse von Aussortierten, die weder eine Chance am Arbeitsmarkt haben, noch für die Reichtumsproduktion benötigt werden. Wer dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahre alt ist, bricht die Schule ab wie jeder andere im Viertel auch und stößt zu den Trauben der "überflüssigen Menschen", die sich mit Sozialhilfe, Ge- legenheitsjobs, Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Überfällen und kleinen Einbrüchen über Wasser halten.

Gewiss ist die Interpretation des Aufruhrs als sozialer Konflikt näher an der Wahrheit als das ewige alte Anti-Multikulti-Gedröhn oder gar die Versuche, einen Religionskrieg herbeizufantasieren. Aber selbstverständlich muss man die soziale Deklassierung und die ethnisch-kulturelle zusammen denken.

Ökonomische Chancenarmut

Es handelt sich schließlich um Kinder von Einwanderern, die nicht nur ökonomische Chancenarmut erfahren, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft der eingesessenen Franzosen als "Andere" behandelt werden. Dies führt zur Verfestigung von kulturellen Differenzen, zur Abkapselung in der Community oder, wie es heute so schön heißt, in der "Parallelgesellschaft". Darum ist es durchaus folgerichtig, wenn für die Siedlungen in der Banlieue nun der Begriff "Ghetto" allgemeinen Gebrauch findet. Denn spätestens seit den Sechzigerjahren steht das "Ghetto" für soziale und kulturelle Marginalisierung. Weder würden wir bunte Viertel wie Chinatown oder Little Odessa als "Ghetto" bezeichnen - in denen konzentrieren sich kulturell segregierte Communities, die nicht notwendigerweise Elendsviertel sind; noch würden wir Marzahn in Berlin oder die Per-Albin-Hanson-Siedlung in Wien-Favoriten als "Ghetto" identifizieren, wo sich zwar Chancenarmut ballt, aber die kulturelle Marginalisierung fehlt.

Das "Ghetto" ist, kurzum, durch die Ballung vielfacher Bedrängnis gekennzeichnet, durch alltägliche Beleidigungen. Es ist eine gewiss unerträgliche Tatsache, die sich auch nicht rechtfertigen lässt, wenn sich ein Sozialhilfeempfänger wegen des Umstandes, dass er Transferleistungen von der öffentlichen Hand erhält, am Arbeitsamt demütigen lassen muss; aber er wird von einem Menschen gedemütigt, von dem er nicht behaupten würde, dass ihn kulturell ein Graben trennt. Die Demütigungserfahrungen eines Jungen mit fremdländischem Aussehen, der in seinem eigenen Wohnviertel zwei-, dreimal die Woche grundlos von Polizeipatrouillen kontrolliert und perlustriert wird, sind von einer ganz anderen Art. Sie etablieren eine soziale Distanz, die in gewisser Weise noch größer ist als, beispielsweise, die zwischen einem Broker in der Londoner City und einem australischen Aborigenes.

Es ist erst diese Distanz-und Gewaltkonstellation, die einen Prozess am Leben hält, in denen die Einwandererkinder zu "den Anderen" gemacht werden und sich selbst zu "den Anderen" machen. Für sie ist die Ethnisierung ihrer sozialen Unterdrückung eine - wenngleich völlig unnütze und selbstviktimisierende - Operation zur Selbstbehauptung; für die Mehrheitsgesellschaft wiederum ist sie ein Mechanismus, sich das Elend vom Leib zu halten.

Indem man soziale Konflikte nur als ethnische oder gar religiöse definiert, werden sie zu einer "Unterart von Naturkatastrophen" (Slavoj Zizek), für die man nichts kann. Erst dieses Gefühl, mit all dem nichts zu tun zu haben, führt zu einer Ignoranz, die sich in der Wortwahl decouvriert.

Wie selbstverständlich führten in den vergangenen Tagen selbst linke und linksliberale Kommentatoren Begriffe wie "Randalierer" und "sinnlose Zerstörung" im Mund, Vokabel, die sie sich beim Radau von Atomkraftgegnern und Hausbesetzern selbstverständlich verbieten würden. Zu Wohlstand gekommen, erscheint ihnen Autosabfackeln, sofern dieses keinen höheren Zwecken dient, als barbarischer Akt.

Der "nur" Elende, der kulturell Nahe, der darf vielleicht auf Verständnis rechnen, ebenso der Idealist, dem das Herz übergeht und zu Pflastersteinen greift - der kulturell Ferne darf das nicht. Dafür hat er die Anerkennung, die ihm die Verhängung des Ausnahmezustands verschafft. Das ist ja auch eine Art von Achtung. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2005)

Robert Misik lebt als Publizist in Wien. Zuletzt erschien von ihm im Aufbau Verlag das Buch "Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore". Im heutigen STANDARD-Album lesen Sie auch Ausführungen von ihm zum Thema "Ausweitung der Unsicherheitszone".
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