"Hochselektives Schulsystem fördert Probleme"

13. November 2005, 18:51
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Integrations-Schulinspektor Manfred Pinterits sieht im STANDARD-Interview Hauptschulen als Problemzone und braucht dringend Begleitlehrer

STANDARD: Im Wahlkampf war "nix sprechen deutsch" Thema. Wie ernst ist die Situation?

Pinterits: Man muss zwischen drei Gruppen trennen: Kindern, die gerade nach Österreich kamen und gar keine Sprachkenntnisse haben. Das sind zehn Prozent der Kinder mit nicht deutscher Muttersprache. Die zweite Gruppe sind Kinder, die hier geboren und in verschiedenen Stadien ihrer Sprachkenntnisse sind. Sie bewegen sich in der sprachlichen Alltagskompetenz, ihnen fehlt aber Fachkompetenz. Diese Gruppe macht ein Drittel der Kinder mit nicht deutscher Muttersprache aus. Die dritte Gruppe ist bereits fähig, dem Lehrplan zu folgen. Das sind etwa zwei Drittel.

STANDARD: Haben Sie genug Begleitlehrer?

Pinterits: Nein. Seit 1999 ist die Zahl der Begleitlehrer um 40 Prozent gesunken - bei gleich bleibender Zahl der Kinder mit nicht deutscher Muttersprache. Das trifft die Gruppe, die bereits hier wohnt und sozial am unteren Skalenende ist, am härtesten. Dieses Problem ist in den Wiener Bezirken um den Gürtel konzentriert und betrifft besonders Hauptschulen. Nach der Nahtstelle mit zehn Jahren gibt es die Abwanderung in die AHS - und die vermehrte Ballung von Sorgen in den Hauptschulen. Strukturell ist schulpolitisch ganz klar, dass wir uns diese Trennung in AHS und Hauptschule nicht mehr leisten können. Das hochselektive Schulsystem fördert die Probleme. Die Gesamtschule würde sie entschärfen.

STANDARD: Wäre ein verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen eine Lösung?

Pinterits: Nein - wegen verpflichtend. Ja - weil der frühe Einstieg nur gut sein kann. Ganz wichtig ist, die Eltern einzubeziehen. Das ist aber Erziehungsarbeit auf allen Seiten: Denn wenn Beamte mit mir nur im Nix-verstehen-Deutsch reden, lerne ich, dass ich mit rudimentären Sprachkenntnissen auskomme.

STANDARD: Gibt es Probleme mit dem Kopftuch?

Pinterits: Manche Mädchen tragen Kopftuch, manche nicht. Das ist kein Problem. Lehrerinnen dürfen kein Kopftuch tragen - wie jedes andere religiöse Kleidungsstück.

STANDARD: Auch wenn Sie ein so schönes Bild zeichnen: Kinder mit Migrantenhintergrund haben geringere Bildung.

Pinterits: Das stimmt schon. Ich hätte gerne bilinguale Klassen, wo beide Lehrer beide Sprachen beherrschen, etwa Deutsch und Türkisch. Es gibt in Wien aber nur drei Volksschullehrerinnen, die Türkisch können: drei Türkinnen dritter Generation, die eine Lehrerausbildung haben. Dass es nur so wenige gibt zeigt, dass Migranten noch bei Weitem nicht alle Bildungsinstanzen durchlaufen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13. November 2005)

Das Interview führte Eva Linsinger
  • "Ich hätte gerne bilinguale Klassen, wo beide Lehrer beide Sprachen beherrschen, etwa Deutsch und Türkisch."
    foto: standard/corn

    "Ich hätte gerne bilinguale Klassen, wo beide Lehrer beide Sprachen beherrschen, etwa Deutsch und Türkisch."

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