Doppelte Erfüllung

17. November 2005, 19:09
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Am Sonntag geht es im MAK heiß her: Mehrere Experten diskutieren, ob die eine der beiden Skizzen "Die Erfüllung" von Gustav Klimt eine Kopie ist

Es steht sehr viel Geld auf dem Spiel.


Wien - Das Mosaikfries im Speisezimmer des Palais Stoclet in Brüssel, einem Jugendstil-Gesamtkunstwerk von Josef Hoffmann, zählt zu den wichtigsten Werken Gustav Klimts. Die neun Zeichnungen zu diesem Fries, darunter Die Erfüllung (um 1910), wurden 1961 vom MAK angekauft - und sind garantiert echt.

Vier Jahrzehnte hing auch in Straßburg eine Erfüllung. Die erstaunliche Gleichheit störte (bis auf die Klimt-Forscherin Alice Strobel, die bereits 1982 Zweifel hegte) niemanden. Doch das änderte sich schlagartig nach der Restitution an die Erben des Wiener Kunsthändlers Karl Grünwald, der in der NS-Zeit aus Österreich geflohen war.

Grünwald hatte das Werk vor dem "Anschluss" nach Belgien transportieren lassen, um es vor dem Zugriff durch das NS-Regime zu schützen. Vergeblich: Das Bild wurde beschlagnahmt und 1942 an den Maler Adolphe Graeser versteigert, der es 1959 dem Straßburger Museum für moderne Kunst verkaufte. Im Jahr 2000 wurde das Museum definitiv zur Rückgabe verurteilt.

Die Erben verkauften die Erfüllung an einen Pariser, der sein Geld mit Pferdewetten machen soll. Und dieser bot es über Umwege Sotheby's zur Versteigerung an. Doch das Auktionshaus lehnte ab. Denn Marian Bisanz-Prakken, Albertina-Kuratorin für die Zeichnungen Klimts, bezweifelte aufgrund von "Schematisierungen, linearen Begradigungen, Vergröberungen und Simplifizierungen" die Echtheit der - was untypisch ist - nicht signierten Erfüllung.

Sie steht mit ihrer Meinung nicht allein da. Ein Klimt-Kenner zum STANDARD: "Die Straßburger Skizze ist hundertprozentig eine Kopie. Vieles deutet auf einen ängstlichen Kopisten hin. Vielleicht wurde diese Zeichnung von der Wiener Werkstätte angefertigt."

Der Besitzer wandte sich nach der vernichtenden Einschätzung an Fritz Koreny. Der Kunsthistoriker hingegen bestätigte die Echtheit.

Gegenwärtig sind beide Erfüllungen im MAK zu sehen. Am Sonntag um elf Uhr halten beide Experten ihre Plädoyers. Auch Alice Strobel wird sich zu Wort melden. Es dürften die Fetzen fliegen. Schließlich ist, wie Andrea Jungmann von Sotheby's sagt, "der Markt für Klimt heiß": Ist die Straßburger Erfüllung echt, "könnte sie bis zu 17 Millionen Euro machen". Als Kopie hingegen ist sie keine 30.000 Euro wert. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

Von Thomas Trenkler

Expertendiskussion
So., 13.11., 11 Uhr, MAK
  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Die Erfüllung" von Gustav Klimt: Die Zeichnung im MAK ist echt. Diese (Foto) hier auch?

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