Vorhang auf: Klein, eng und stickig

27. März 2006, 16:11
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Umkleidekabinen im Test - Gerade zur kalten Jahreszeit eine echte Herausforderung, wenn in überhitzten Modehäusern Thermojacken übergezogen werden

Als aufmüpfige Pubertierende fand ich es einfach "total daneben", dass die Mutter meiner besten Freundin ihr neues Gewand immer erst zur Auswahl mit nach Hause nahm. Am Vormittag, wenn ihre vier Kinder in der Schule waren, entschied sie dann daheim in aller Ruhe, ob zu ihr der eierschalfarbene Blazer oder die Seidenbluse im Naturton besser passte. Jene Stücke, die sie nicht wollte, "durften" meine Freundin und ich am Nachmittag dann wieder ins Geschäft zurücktragen.

Heute bin ich weit davon entfernt, derartiges Kaufverhalten als snobistisch zu bezeichnen, es war schlichtweg klug. Wenn ich etwa an meine Mutter denke, die jedes Mal Gefahr läuft, in ihrer Lieblingsboutique beim Anprobieren eines Oberteils mit dem Ellenbogen den Spiegel einzuschlagen. Oder aber an meine Kollegin Marie-Thérèse, die den Kauf eines neuen Outfits in einem Modehaus im Mostviertel fast schon als Mutprobe bezeichnen möchte. Da die Kabinen dort gleich ohne Spiegel ausgestattet sind, muss frau sich zum Betrachten des Probierten vor den Vorhang wagen. Und wer kennt sie nicht, die Verkäuferinnen mit den säuselnden Stimmen, die einem dann einreden wollen, dass die eindeutig unter den Achseln einschneidende Bluse perfekt sitze?

Ich kann meinen Mann mittlerweile verstehen, der sich seit Jahren beharrlich weigert, überhaupt etwas anzuprobieren. Weite 32/Länge 32 bei den Jeans seiner Lieblingsmarke und Kragenweite 39 oder 40 bei den Hemden - gekauft wird, was gefällt (im Notfall kann es ja umgetauscht werden). Gerade jetzt im Winter sei es angesichts seines niedrigen Blutdrucks für ihn einfach unmöglich, sich freiwillig in eine Ein-Quadratmeter-Kabine zu begeben, deren Luft entweder durch das Aftershave des Vorgängers oder durch andere Ausdünstungen belastet ist. Versandhäuser können angesichts dieser Tatsache durchaus ihren Reiz besitzen.

Dennoch fasste die Linzer STANDARD-Redaktion (sie 1,80 Meter groß, er ein Zwei-Meter-Mann) den Entschluss, sich an einem klammen Novembertag Umkleidekabinen großer Modehäuser in der Innenstadt vorzuknöpfen. Ob mein Redaktionskollege mir die DVD von "Panic-Room" wohl infolge böser Vorahnungen über das Wochenende geliehen hatte?
Die Kriterien

An erster Stelle auf dem Bewertungsbogen stand die Größe der Kabine. Schaffen wir es, ohne uns das "narrische Boan" anzuhauen, einen Pullover überzuziehen? Mindestens von gleicher Bedeutung schien die Frage der Raumtemperatur. Und wie sieht es mit der Beleuchtung aus? Muss ich nach dem Kauf einer braunen Schnürlsamthose bei Tageslicht feststellen, dass der Farbton doch eher ins Olivfarbene abdriftet? Auch die Innenausstattung der Kabinen spielte eine Rolle: Schuhlöffel, genügend Kleiderhaken sowie ein Stuhl, das Vorhandensein dieser "Mindeststandards" wurde ebenso abgefragt. Sind die Kabinen ohne fremde Hilfe zu finden, gibt es genug davon? Überraschend für uns war, dass in ein und demselben Geschäft Kabine nicht gleich Kabine war. So herrschen zwischen Männer- und Frauenumkleiden in einigen Shops Unterschiede. Zur Anprobe ging es zu KleiderBauer, Peek&Cloppenburg, H&M, Schöps und C&A. Maximal zehn Punkte waren zu vergeben.
Die Ergebnisse

H&M
Für den Kollegen stand außer Zweifel, dass die Kabinen von H&M alles bieten: bestes Licht, bestes Equipment (Hocker, genügend Kleiderhaken, Schuhlöffel vorhanden), beste Lage mitten im Geschäft, in ausreichender Anzahl vorhanden. Lediglich die Luft war im Kellergeschoß etwas stickig. "Sowohl für den überproportionierten Herrn als auch für Klaustrophobiker besitzt sie die ideale Größe", so sein Fazit. Die gewissen Extras überzeugten restlos: Jede Umkleide ist mit drei Wahltasten ausgestattet - ein Schalter für Tageslicht, einer für wohliges Innenlicht sowie ein Serviceschalter, um eine Verkäuferin zu rufen, die dann auch mehr oder weniger schnell erscheint. Die Schiebetüren erweisen sich ebenfalls als "kundenfreundlich", denn im Gegensatz zu den Schwingtüren, die zum Verlassen der Kabine meist ins enge Innere gezogen werden müssen, erschweren sie nicht das Hinaustreten. Doch das ist nicht der einzige Vorteil der Tür: Ein Bullauge verhindert die Peinlichkeit des unachtsamen Türöffnens samt der darauf folgenden unfreiwilligen Blöße des/der darin Unbekleideten.

Die minimalistischen Kabinen in der Abteilung für Trendmode im Erdgeschoß warten allerdings nicht mit derartigem Luxus auf. Nur ein Holzschemel und eine Kleiderstange, keine Wahltasten. Dafür weht aber eine leichte Brise durch die Kabinen, die sich direkt neben einer Fensterfront befinden. 8,5 Punkte

C&A
Die Überraschung des Tages für zwei hartnäckige C&A-Verweigerer. Die Kabinen sind leicht zu finden, in der Damenabteilung weist ein beleuchtetes Überkopfschild darauf hin. Die Größe stimmt, kein Anecken an Kanten beim Probieren. Schuhlöffel und Hocker fehlen ebenso wenig. Besonders die zwei einander gegenüber hängenden Spiegel finden Anklang: So kann die Kundin die Passform des Auserwählten von vorn und hinten begutachten. Außerdem ist C&A in der Linzer City das einzige getestete Modehaus mit einer behindertengerechten Kabine in der Damenabteilung. Kleiner Nachteil: die Vorhänge, die sportlichen Einsatz erfordern. Um sicherzugehen, dass die angesteuerte Kabine auch tatsächlich frei ist, heißt es nämlich in die Knie gehen: Sehe ich im Inneren auf dem Boden (der Vorhang endet rund zwanzig Zentimeter davor) Füße oder nicht?

Nicht ganz so positiv war der Gesamteindruck in der Herrenabteilung. Kein Hinweisschild zu den zwei (!) Umkleiden sowie keine Behindertenkabine. Dafür können diese mit indirekter Beleuchtung hinter den Spiegeln punkten. Zu Stoßzeiten wird man aber vermutlich Schlange stehen müssen. 8 Punkte

Peek&Cloppenburg
Dieses Geschäft mit Edelmarken im Sortiment hätte bessere Kabinen verdient. Wenn auch die Auswahl bei Peek&Cloppenburg passt, so gilt das nicht für die Umkleiden. Ein fieses, grelles Licht, dem keine Hautunreinheit entgeht. "Man sieht aus wie ein Zombie", meint der Kollege geschockt. Vielleicht standen deshalb so viele Kabinen leer, weil sich niemand freiwillig ins falsche Licht rückt? Die Schwingtüren reichen jedenfalls so hoch, dass höfliche Menschen unter der Tür nachsehen müssen, ob die Kabine besetzt ist. Aber es gibt auch andere Ausführungen: jene mit Vorhang. Diese fallen jedoch kleiner aus, dafür verrutscht der Vorhang leicht, sodass man sich eigentlich gleich draußen umziehen könnte. Die Belüftung aber passt ebenso wie die Anzahl der Kleiderhaken. Die Schuhlöffel sind mit einer Diebstahlsicherung versehen, und mehr als fünf Teile dürfen nicht mit in die Kabine genommen werden. Offensichtlich hat der Kaufhausdetektiv hier alle Hände voll zu tun. 6,5 Punkte

Schöps
Als Mittelmaß ohne Höhen und Tiefen, so lassen sich die Kabinen bei Schöps umschreiben. Normale Größe, neutral eingerichtet (vermutlich Pressspanplatten) mit Stuhl und einem Spiegel, lediglich der Schuhlöffel fehlte. Sie sind ausreichend vorhanden und relativ einfach zu finden. Zwischen der Herren- und der Damenabteilung konnte kein Unterschied in der Ausstattung bemerkt werden.

Hoch gewachsene Leute bekommen jedoch ein Problem mit den Schwingtüren, die nicht größer als jene eines Westernsaloons sind: Mann und Frau stehen nämlich oben ohne da. Und da bei Schöps auch Wäsche verkauft wird, erweist sich die Anprobe eines BHs infolgedessen als echte Herausforderung. Die deogeschwängerte Luft in der Umkleide ermutigt auch nicht gerade. "Ungemütlich" - auf diesen Nenner bringt es der Kollege. 5 Punkte

KleiderBauer
Der ganz normale Wahnsinn erwartet uns bei KleiderBauer. Die Suche nach der Kabine gleicht einer Odyssee, stellt sich doch heraus, dass jener Raum, der von uns für eine Besenkammer gehalten wurde, die Herrenumkleide ist. Eng und stickig, der frei stehende Bodenspiegel mit einer Breite von maximal 30 Zentimetern wohl nur für Models vom Typ "Haut & Knochen" geeignet. Obwohl auch diese sich bei geschlossener Tür nicht im Spiegel betrachten können, denn auf eine Beleuchtung in den Kabinen wurde verzichtet. Kunden und Kundinnen müssen vor die Umkleide treten, wo sie schon von den Verkäuferinnen erwartet werden. So fanden wir es jedenfalls nicht misslich, dass die Anzahl der Kabinen an einer Hand abzuzählen sind. 2,5 Punkte
(DER STANDARD, Printausgabe vom 12./13.11.2005)

* Jeder Artikel spiegelt die ganz persönliche Meinung der AutorInnen wider.

Kerstin Scheller hat es in den Kabinen probiert.
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