Utopia ist ein Ort im Tanz

11. November 2005, 19:49
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Wien Modern zeigt im TQW "herses [une lente introduction]" von Boris Charmatz

Wien - An den Meisterwerken des 32-jährigen Choreografen Boris Charmatz kaut die internationale Kritik sehr vorsichtig herum. Die Theorie schleicht um diese Kunst wie die Katze um den sprichwörtlichen heißen Brei. Wie nun bei Wien Modern im Tanzquartier Wien mit dem Stück herses [une lente introduction] (Eggen [eine langsame Einführung]) aus dem Jahr 1997 zu erleben ist, nicht ganz ohne Grund. Anders als häufiger zitierte Hauptfiguren des tänzerischen Konzeptualismus wie Jérôme Bel und Xavier Le Roy, die stets mit wenigen, klar lesbaren Mitteln arbeiten, bewegt sich Charmatz gern auf schwankendem Grund.

Seine Tänzer taumeln oft, verwickeln sich in Widersprüche, versuchen einander zu erwischen und zu halten. In herses durchlüften zwei Männer und zwei Frauen den erdhaften "Naturalkörper" samt seinen kulturgegebenen Verkrustungen. Die Metapher der Egge verweist auf die (agri)kulturellen Wurzeln einer Sesshaftigkeit, die in der Historie immer wieder durch sozialgeschichtlich ältere nomadische Strömungen durchbrochen wurde. Charmatz' nackte, nur mit Perücken bekleidete Tänzerkörper ziehen durch die konkrete Instrumentalmusik von Helmut Lachenmann, AIR for full orchestra and solo percussionist und Pression for solo cello. Choreografie und Komposition generieren einen unheimlich stimmigen temporären Raum aus Gesten und Musik. Körper wie Klänge entziehen sich konsequent der plärrenden Alltagsästhetik.

Ironisch führt Charmatz die Utopien vom mit der Umwelt verschmelzenden Körper, von idealer Zweisamkeit und Gemeinschaft vor. Dabei wird schnell klar, dass die Vorführung der beste Ort für diese Utopien bleiben wird, denn hier können alle Hemmungen und Aggressionen in Produktivität umgewandelt werden. Tanz und Performance sind eben letztlich nicht nur Kunstgenres, sie enthalten und bearbeiten bereits Lebens- und Gesellschaftsmodelle, noch bevor ein Kunstwerk das Licht der Bühne erblickt. Bei herses wird dieser utopistische Ansatz ebenso sichtbar wie bei Vera Manteros Poetry and Savagery oder bei mountains are mountains von Philipp Gehmacher. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

Von Helmut Ploebst

Samstag, 12. 11., 20.30 im Museumsquartier, Halle G
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    foto: tqw
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