"Crash Test Dummies": "I bin reif, reif, reif für die Insel"

11. November 2005, 19:20
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Latenter Surrealismus und eine verhinderte Komödie: Jörg Kalts Spielfilm "Crash Test Dummies" porträtiert Randexistenzen in Wien

Dabei erzählt "Crash Test Dummies" von der Gefühlslage, die Österreich nunmehr im Zentrum von Europa einnimmt.


Berlin - In der Nacht auf den 1. Mai 2004 hat sich die Europäische Union um zehn Länder vor allem nach Osten hin erweitert. Rumänien war nicht unter den Staaten, die damals Aufnahme fanden. Es liegt nun direkt vor der Außengrenze des Europäischen Integrationsraums und wartet auf seinen Beitritt.

Den Verkehr zwischen den Rändern und den Zentren in Europa haben die österreichischen Filmemacher immer schon genau protokolliert. Michael Haneke folgte in Code inconnu mehreren Figuren auf ihren Fahrten zwischen Rumänien und Frankreich. Barbara Albert zeichnete in Nordrand die Stadt Wien als Kreuzungspunkt diverser Flucht-und Suchbewegungen. Jörg Kalt stellt nun in seinem Spielfilm Crash Test Dummies zwei junge Leute aus Rumänien in den Mittelpunkt:

Ana (Maria Popistatu) und Nicolae (Bogdan Dumitrache) kommen nach Wien, um hier ein Auto zu übernehmen, das sie in die Heimat überstellen sollen. Der Bahnhof Wien-Mitte wird für sie zur Anlaufstelle. Hier treffen sie ihren Verbindungsmann, hier laufen sie an einem Reisebüro mit verheißungsvollen Wandprospekten vorbei, hier geraten sie auch an Jan (Simon Schwarz), der in einem großen Kaufhaus für die Überwachung zuständig ist.

Jan hat eigentlich andere Sorgen, er ist keineswegs so begeistert von dieser Tätigkeit wie sein Vorgänger, der auf Kur muss. Martha (Kathrin Resetarits) teilt sich mit Jan eine Wohnung, in der auch ein Hund lebt, der nicht stubenrein ist. Durch eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter erfährt man noch von einer Rita (Barbara Albert), von der sich später herausstellt, dass sie mit Jan zusammen war und nun nicht mehr viel mit ihm zu tun haben will. Ana und Nicolae geraten in einen Streit und werden getrennt. Ana hat einen Unfall und verletzt sich im Gesicht. Nicolae wird vermöbelt und bricht sich das Nasenbein und einen Finger. Jan wird zu einem Schutzengel für Ana, die er in seine Wohnung aufnimmt, wo sie von Martha entdeckt wird.

"I bin reif, reif, reif für die Insel": Der Austropophit von Peter Cornelius bildet das Leitmotiv in einer Aussteigergeschichte, die kein Ziel mehr hat, weil Österreich ja selbst schon die Insel ist. Diese Verwirrung bildet Jörg Kalt ab. Den Titel Crash Test Dummies gewinnt er aus der Tatsache, dass Martha - eine psychisch kranke Frau, die ständig Medikamente nimmt - ein wenig Geld verdient, indem sie sich Belastungstests aussetzt. Der Aufprall auf ein Hindernis, der körperliche Widerstand gegen unbeherrschbare Kräfte, das wäre eigentlich ein plausibles Bild für eine realistische Methode im Kino.

Jörg Kalt will aber in eine andere Richtung. Die Verknüpfung seiner kleinen Geschichten mit dem großen historischen Ereignis lässt beide Ereignisebenen in einem schiefen Licht erscheinen. Das Ergebnis ist ein latenter Surrealismus und eine verhinderte Komödie. Während in den Fernsehnachrichten von den Milchkontingenten die Rede ist, die im Zuge der EU-Osterweiterung neu verhandelt werden mussten, sieht Martha in ihrer psychotischen Wahrnehmung tatsächlich Kühe auf der Straße an die Grenze im Osten. Der Moment der Erweiterung von 15 auf 25 EU-Staaten wird mit einem Feuerwerk gefeiert, während Jörg Kalt in dieser Stunde die Welten wieder scheidet.

Dazwischen bleibt eine Kuh stehen. Das Tier ist das Reale, das heißt aber noch lange nicht, dass es nicht seltsam erscheint. Die Außengrenzen, die Crash Test Dummies zieht, sind in erster Linie innerpsychisch. Die Politik ist die Fortsetzung des Wahns mit statistischen Mitteln. Unwillkürlich erzählt Jörg Kalt in Crash Test Dummies von der Gefühlslage, die Österreich nunmehr im Zentrum von Europa einnimmt: Die Welt da draußen verzerrt sich zu einem Hindernislauf, und die "Insel der Seligen" fühlt sich plötzlich selbst wie ein Crashtest-Dummy der europäischen Integration. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

Von Bert Rebhandl

Interview mit Regisseur Jörg Kalt
Fallstudien im öffentlichen Raum
  • Kathrin Resetarits in "Crash Test Dummies". Jörg Kalts Film, ab heute im Kino, übrigens soeben beim Festival in Sevilla mit dem Silbernen Giraldillo ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert.
    foto: amour fou

    Kathrin Resetarits in "Crash Test Dummies". Jörg Kalts Film, ab heute im Kino, übrigens soeben beim Festival in Sevilla mit dem Silbernen Giraldillo ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert.

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