Hanseatisch salomonisch

27. Dezember 2005, 17:01
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Während "Der Spiegel" mit seiner Analyse, Linz wäre der Arsch der Welt in seiner Österreich- Berichterstattung auf Kontinuität setzt ...

... hat sich die ebenfalls in Hamburg erscheinende Wochenschrift "Die Zeit" etwas Neues einfallen lassen: Sie erscheint von nun an jeden Donnerstag mit einem zwei (in Ziffern 2) Seiten umfassenden Österreichteil. Das kann weder der "Zeit" schaden noch Österreich. Österreich schon gar nicht. Denn dieser Teil des Blattes soll nur in dem nach Österreich verbrachten Teil der Auflage erscheinen, nicht aber in Deutschland, wo die Auflage ein wenig höher ist.

Das gewährleistet, dass die hiesigen Leser einmal in der Woche über ihr Land nachlesen können, was sie aus ihrer Tagespresse schon wissen, Österreich den Deutschen aber als Arsch der Welt nicht ganz verloren geht - eine verlegerische Leistung im Sinne der Verständigung zweier einander skeptisch beäugender Völker, die darüber hinaus gewährleistet, dass sich an der leicht sedierenden Wirkung, die von dem Blatte traditionell ausgeht, weder hüben noch drüben etwas ändern wird. Damit können wir leben, wir brauchen kein zweites "NEWS".

In der ersten Zeit für Österreich erwiesen sich die Blattmacher als Genies der Ausgewogenheit, in einem Maße, das es erlaubt, hanseatisch ab sofort als Synonym für salomonisch zu verwenden. Dazu haben sie den Österreich-Teil um ein Wien-Dossier (auch für deutsche Leser) verlängert und so die europäische Hoffnung des ersten Halbjahres 2006, Wolfgang Schüssel, für hiesige Leser durch den im Volksmund "Fiaker" genannten ehemaligen Hausbesetzer Michael Häupl entschärft. Das brachte immerhin ein schönes Inserat der Wiener Linien, während die Schnorrer von der Regierung eine Schmuckfirma für sich einspringen ließen.

Der Beitrag Wien bleibt nicht Wien öffnet den Deutschen die Augen für das, was die Wiener, die auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren, neulich in einer Landtagswahl offiziell beglaubigt haben, nämlich dass Wien eine ziemlich lebenswerte Stadt ist. Die Mitteilung, auf dem Heldenplatz vor der Hofburg warten die Wiener Fiaker auf Touristen, wird ihnen dabei weniger Stoff zum Grübeln liefern, als dass besagter "Fiaker" städtische Beamte zu Leistungsträgern gemacht haben soll. Nur Fiaker aus Wanne-Eickel könnten - ob im Rathaus oder auf dem Heldenplatz vor der Hofburg - Deutsche wie Wiener mehr überraschen.

Auch bei der Vorstellung Arno Geigers als alemannischer Einzelgänger wird man den Eindruck nicht los, der eingefrorene Posthornton sei für ein deutsches Publikum bestimmt, in der Hoffnung, marodierende Ösis würden die Auflage kapern und nach Deutschland zurückschmuggeln, um wenigstens dortigen Lesern einen gewissen Überraschungseffekt zu bescheren. Der wäre gesichert, wenn sie erführen, das Mozartjahr biete dem nächsten Ratspräsidenten, Wolfgang Schüssel, die günstige Gelegenheit, das ernsthafte Geschäft mit einem musischen Rahmen zu versehen, was durch ein nebenstehendes Foto - Wolfgang Schüssel mit einem Hinkelstein aus Künstlerhand - glaubwürdig illustriert wird. Wenigstens Klavierspielen hätten sie ihn schon lassen können, unseren kleinen Wolferl.

In seinem Editorial will "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo den Verdacht zerstreuen, mit der Zeit für Österreich, da nur für Österreich, ein wenig am richtigen Publikum vorbei zu schreiben. Die ZEIT will nicht nur eine deutsche, sondern vor allem eine deutschsprachige Wochenzeitung sein. Dieser subtile Ehrgeiz ist nicht neu. Die meisten kennen den gerne zitierten Spruch, wonach Deutschland und Österreich nichts so sehr trenne wie die gemeinsame Sprache. Ich glaube aber, dass dieses Bonmot mittlerweile weder auf das Wesen noch auf die Praxis des Verhältnisses der beiden Ländern zutrifft.

Diese Überzeugung des Chefredakteurs wird auf der zweiten Seite durch ein Statement von Draussen leider ein wenig unterminiert, nämlich von einem an der Charité, Berlin, wirkenden Professor, der es als Österreicher besser weiß: Ich vermisse den Wiener Schmäh. Wenn ich in Österreich bin, genieße ich dieses Spiel mit der Sprache, dieses ständige Nutzen von Mehrdeutigkeiten. Ich übersetze hier immer noch jeden Satz, wenn ich mit Deutschen spreche. Das Gefühl für die Vielfalt unserer Sprache und für den Schmäh habe ich hier verlernt.

Die Praxis des Verhältnisses zweier Länder hängt kaum von der Sprache ab, beim Wesen des Verhältnisses sieht die Sache schon etwas anders aus. Da heißt 's Obacht geben, da sind die Dinge im Fluss. Zufall ist es ja nicht, dass "Die Zeit" ihre Berufung zur nicht nur deutschen, sondern vor allem deutschsprachigen Wochenzeitung vor Österreichs EU-Präsidentschaft, Mozart (250), Freud (150) und dem Wahljahr entdeckt. Zur rechten Zeit - und man kann beruhigt sein: Vom Wiener Redaktionsbüro aus hat die ZEIT künftig ein wachsames Auge auf die Ereignisse in Österreich. Prima, denn nächstes Jahr ist jedes wachsame Auge hoch willkommen - solange nur in Deutschland niemand erfährt, was es sieht! (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

Von Günter Traxler
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    foto: derstandard.at
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