McCains Wahrheit

18. November 2005, 10:29
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"Säubern, halten, aufbauen", heißt die Losung, mit der Condoleezza Rice jetzt in Interviews geht - von Markus Bernath

Dass der Kurs der amerikanischen Irak-Politik in Washington selbst sehr gegensätzlich beurteilt wird, ist nichts Neues. Dass ein republikanischer Senator für eine Aufstockung der US-Truppen im Irak, statt für deren baldmöglichsten Abzug plädiert, dagegen schon. Es zeigt, wie weit entfernt von der öffentlichen Debatte das Quartett Bush und Cheney, Rumsfeld und Rice, mehr als zwei Jahre nach der US-Invasion, mittlerweile seine Formeln von der Stabilisierung des Irak reproduziert. Und gerade weil es John McCain ist, ein möglicher US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner für 2008, der mehr Realismus in der Irak-Politik verlangt - und eben auch mehr Truppen -, wirkt die amtierende republikanische Regierung angesichts unverminderter Terroranschläge und Verluste bei den US-Soldaten im Irak besonders ratlos.

Dabei hat die amerikanische Außenministerin ihre Rhetorik durchaus der militärischen Lage angepasst. "Säubern, halten, aufbauen", heißt die Losung, mit der Condoleezza Rice jetzt in Interviews geht. Dieser Dreischritt im Kampf gegen Aufständische in irakischen Städten und Dörfern hat allerdings nie gehalten, und es ist unter den gegenwärtigen Umständen auch nicht absehbar, dass die amerikanische Armee in der Lage sein wird, den Aufbau des Irak abzusichern. 211.000 ausgebildete irakische Soldaten und Polizisten haben die Pentagon-Planer nun auf dem Papier stehen. Dass diese Truppen keine durch die Amerikaner "gesäuberten" Gebiete halten können oder wollen, haben sie in der Vergangenheit immer wieder bewiesen.

Ein Viertel des 30-Milliarden-Dollar-Fonds der USA wird derzeit für den Schutz von Infrastrukturprojekten aufgewendet, deren Bau der Fonds eigentlich finanzieren soll. Die Kosten für Kraftwerke und Versorgungsleitungen im Irak - bis zu 750 Millionen Dollar jährlich - übersteigen dazu bei Weitem die Öleinnahmen. Mehr Realismus heißt wohl auch mehr US-Truppen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2005)

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