Das Gedankenjahr vergessen

18. November 2005, 10:29
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Gedankenjahr war über weite Strecken eine flaue Angelegenheit - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Franz Vranitzky habe "als erster österreichischer Bundeskanzler eine klare Abgrenzung von der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs gewagt", sagte der Präsident der österreichischen B'nai B'rith-Loge, Viktor Wagner, anlässlich einer Ehrung für den Ex-Kanzler, "wir verdanken es ihnen, dass wir mit Stolz österreichische Juden sind !"

Eine zeitgerechte Erinnerung im "Gedenk-" oder "Gedankenjahr", dass es bis zur Kanzlerschaft Vranitzkys (1986- 1997) dauern musste, bis ein österreichischer Regierungschef die richtige Haltung zu diesem giftigen Erbe fand.

Diese Ehrung kam zeitgerecht, denn das "Gedankenjahr" neigt sich dem Ende zu und man wird sagen müssen, dass es ohne innere Wahrhaftigkeit geblieben ist. Die Schwarz-Irgendwas-Regierung hat dem Ganzen ihren ureigenen Drall gegeben: "Hurra, der Staatsvertrag !" und was vorher war, blenden wir möglichst aus. Die großzügig subventionierte Aktion "25 Peaces" war läppisch und zugleich tragisch : vorne am Heldenplatz ein von Hobby-Gärtnern belagerter Gemüsegarten ("seht's , so ham mir hungern müssen"), hinten am "Hitler- Balkon" der Hofburg nahezu unbeachtet ein Transparent für die Opfer der Nazis).

Einerseits spülte das Gedankenjahr auch jene Residuen aus, die im öffentlichen Leben des Landes noch durchaus vorhanden sind: Kampl und Gudenus, immerhin Mitglieder einer Kammer des Parlaments, mit ihrer eigenen Opfertheorie; dazu ein Mitglied der Funktionselite im ORF, der fürs demokratische Bundesheer zuständige Journalist, der gemeinsam mit einschlägigen Typen (bitte Fotos im News betrachten) am Grab einen Jagdflieger-Helden des Vernichtungskrieges im Osten die Tradition hochhält; und Trauerbekundungen für ein Mitglied einer SS-Mordbrigade unterschreibt. Um es klar zu sagen: diese Erscheinungen machen nicht die Substanz unserer Gesellschaft aus; aber sie sind da, sie werden bagatellisiert – und sie sind als jetziger, abgespaltener und möglicherweise auch künftiger Koalitionspartner der ÖVP unleugbar in unserem öffentlichen Leben integriert. Dass eine große christdemokratische Partei wie die ÖVP diesen Leuten Legitimität verleiht, ist nach wie vor ein dunkler Fleck.

Vranitzky sagte in seiner Dankesrede: "Das Bekenntnis zur historischen Wahrheit gibt einer Gesellschaft, gibt einer Nation, Festigkeit. Im Inneren und nach außen. Deshalb war es wichtig, die Opferdoktrin in ihrer Generalanwendung zu relativieren.

Es war wichtig, mit dem Herausstreichen der individuellen schuldhaften Verhaltensweisen die notorische Ausblendung der Täterschaften zu beenden". Vranitzky wies die Behauptung "meines langjährigen Gesprächspartners Rudolf Burger" zurück, Aufarbeitung der Vergangenheit sei die "Zuschreibung einer Nationalpathologie" .

Flaue Angelegenheit

Das Gedankenjahr war über weite Strecken eine flaue Angelegenheit, sicher nicht eine Fortsetzung von Vertuschung und Verdrängung, aber ganz sicher keine Übung in gedanklicher Trennschärfe und moralischem Mut. Die wahren Helden des Gedankenjahrs sind jene Schüler und ihre Lehrer, die im Rahmen von Projekten die Wahrheit dokumentierten, etwa, dass noch in den letzten Kriegswochen Zivilisten Massaker an Juden verübten.

Ansonsten kann man das offizielle "Gedankenjahr" vergessen, muss aber unbeirrt die Wahrheit unter die Leute bringen: "Die Überzeugten halten in ihrem Bestreben nicht inne", sagte Vranitzky, " weil das Finstere niemals gänzlich verschwindet". (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

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